Politik : Kardinal, Jude und Sohn eines Einwanderers

Erzbischof Lustiger mit 80 in Paris gestorben

Martin Gehlen

„Ich bin Kardinal, Jude und ein Sohn von Einwanderern.“ So hatte Aaron-Jean-Marie Lustiger einmal seine Identität umschrieben. Er war ein Mann der Gegensätze – charmant und warmherzig, aber auch impulsiv, starrköpfig und autoritär. Die schillernde Persönlichkeit mag in seiner außergewöhnlich bewegten Lebensgeschichte begründet liegen. Geboren wurde der spätere Erzbischof von Paris am 17. September 1926 als Aaron Lustiger. Seine Eltern, die als Strickwarenhersteller arbeiteten, waren jüdische Einwanderer aus Polen und vor antisemitischen Verfolgungen nach Frankreich geflüchtet. Lustiger ging im Pariser Quartier Latin aufs Gymnasium und entdeckte dort den christlichen Glauben. Mit 14 Jahren konvertierte er zum Katholizismus und entschied sich für die Vornamen Jean-Marie. „Nicht eine Sekunde vergesse ich die Geschichte, für die ich stehe“, sagte er später rückblickend. Am Sonntag ist der 80-Jährige an einer Krebskrankheit gestorben.

Seine jüdische Mutter wurde 1942 deportiert und im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Nach seiner Priesterweihe 1954, die zu einem heftigen Streit mit seinem jüdischen Vater führte, war Lustiger 15 Jahre lang Studentenseelsorger an der Sorbonne. 1969 wurde er Pfarrer in der Gemeinde Sainte-Jeanne de Chantal im 16. Pariser Arrondissement. Seine Predigten zogen viele Gläubige an, und seine Bücher wurden zu Bestsellern. 1981 ernannte ihn Papst Johannes Paul II., mit dem ihn zeitlebens eine Freundschaft verband, zum Erzbischof von Paris – ein Amt, das er bis 2005 innehatte. Zwei Jahre später ernannte ihn der Papst zum Kardinal.

1983 fuhr der Pariser Oberhirte nach langem Zögern erstmals nach Auschwitz, ein Besuch, den seinerzeit der französische Journalist Robert Serrou geschildert hat. Lustiger wollte nicht die Berge von Brillen und Haaren und Schuhen ertragen. Stattdessen ging der Kardinal in seiner Soutane von Block zu Block. In einem hatte seine Mutter zuletzt gelebt. „Plötzlich sahen wir“, schrieb Serrou, „wie der Kardinal vor einer der Baracken auf die Knie fiel.“ Danach sei sein Gesicht fahl gewesen, von Schmerz gezeichnet. „Der Sohn weinte um seine Mutter, der Jude weinte um seine Brüder, der Christ trug an der Last des Holocaust.“

Lustiger kannte den Namen dessen, der seine Mutter bei den Deutschen denunziert hatte. Aber er hat nie darüber gesprochen. „Wer von ihnen ist schuldig?“, habe er sich gefragt, als er in den 50er Jahren auf dem Münchner Bahnhof die Passanten betrachtete, erinnerte er sich später. Und so war sein letzter internationaler Auftritt als Erzbischof die Teilnahme an den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Januar 2005. Er hatte sich lange gegen diese zweite Reise nach Auschwitz gesperrt. Nach inständigem Bitten des bereits todkranken Johannes Paul II. willigte er schließlich ein. Martin Gehlen

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