Politik : Kardinal Ratzinger: Europa vor dem Kollaps?

Martin Gehlen

Als der leicht gebeugte, weißhaarige Mann am Dienstagabend im voll besetzten Auditorium erscheint, erstirbt augenblicklich das Gerede. Vereinzeltes Räuspern noch, dann erfüllt eine andächtige Stille den überdachten Innenhof der Bayerischen Landesvertretung an der Behrenstraße - wie zu Beginn eines feierlichen Gottesdienstes. Joseph Kardinal Ratzinger, gebürtiger Bayer und mächtigster Mann nach dem Papst, war aus Rom an die Spree gekommen, um über die geistigen Grundlagen Europas zu reden. Mit Elan zeichnete der gelehrte Kirchenfürst ein Panorama von 2000 Jahren europäischer Geschichte, den politischen und geistigen Wurzeln des Kontinents, um dann in einem düster getönten Bild der Gegenwart zu enden.

Er sei zwar kein Pessimist, auch nicht resignativ, verteidigt sich der oberste katholische Glaubenshüter. Aber es gebe in Europa eine innere Leere und Zukunftsangst, als sei der Kontinent "gleichsam von einer lebensbedrohlichen Kreislaufkrise gelähmt". Europa brauche wieder eine geistige Mitte, um dem Anwachsen der Gewalt, der Flucht in die Droge und der Zunahme von Korruption Einhalt gebieten zu können. Scharf geißelte er die "mehr oder weniger" rechtliche Gleichstellung homosexueller Gemeinschaften mit der Ehe. Dies komme einer Auflösung des christlichen Menschenbildes gleich. "Mit dieser Tendenz tritt man aus der gesamten moralischen Geschichte der Menschheit heraus", belehrte er die Zuhörer, unter denen sich erstaunlich viele Repräsentanten der Evangelischen Kirche befanden.

Denen hatte der streitbare Kardinal vor einigen Monaten noch in dem Vatikantext "Dominus Iesus" das Prädikat "Kirche" offiziell aberkannt. Den stärksten Beifall erhielt dann auch der Bischof von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, als er fragte, ob die Christen - weil heutzutage eine Minderheit - nicht deutlicher machen sollten, was sie verbindet, als was sie trennt. Kardinal Ratzinger schmunzelte, den rechten Arm auf das Rednerpult gestützt: Selbstverständlich gebe es eine große, gemeinsame Verantwortung der Christen einer Welt gegenüber, welche nach neuen Werten suche. Aber die Christen müssten auch miteinander um die göttliche Wahrheit ringen. Und da dürfe es, belehrte der römische Kardinal den protestantischen Bischof, keine Relativierungen und Eigenmächtigkeiten geben.

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