Politik : Kardinalfragen

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Von Martin Gehlen

Zwischen dem Kölner Kardinal Joachim Meisner und den Unionsparteien fliegen die Fetzen. Entzündet hat sich der Streit an der Nominierung der 28-jährigen CDU-Bundestagsabgeordneten Katherina Reiche für das Kompetenzteam von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Nicht der persönliche Lebensstil von Frau Reiche habe den Kardinal auf die Palme gebracht, sondern Stoibers Begründung auf der Pressekonferenz, hieß es im Kölner Erzbistum. Stoiber hatte die Nominierung Reiches als Grundsatzentscheidung bezeichnet, die zeige, dass die CDU/CSU keine rückwärts gewandte Ehe- und Familienpolitik betreibe. Nach dieser Logik sei also die christliche Eheauffassung rückwärts gewandt, schäumte der aus Ostdeutschland stammende Purpurträger und forderte „Herrn Dr. Stoiber“ auf, das „C“ aus dem Partein zu streichen.

In anderen Etagen der katholischen Kirche sieht man diesen hitzigen Disput deutlich gelassener. Zwar hätten im Vorfeld der Nominierung von Frau Reiche einzelne Unions-Politiker, die auch Mitglieder im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) sind, Einwände gegen diese Personalentscheidung erhoben. Die Bedenken bezogen sich aber ausschließlich auf die fehlende familienpolitische Kompetenz der Kandidatin und nicht auf ihren Status als unverheiratete Mutter, beteuert man in Kreisen des ZdK. Familienpolitik sei für die katholische Kirche ein politisches Kernthema und da wüsste man gerne ganz genau, für welche Positionen die zuständige Kompetenzfrau im Stoiber-Team stehe.

Frau Reiche sei jedoch familienpolitisch ein unbeschriebenes Blatt. Niemand wisse, was sie beispielsweise zu Ehegatten-Splitting oder zum Familiengeld denke. Niemand könne beurteilen, was ihre Nominierung für eine künftige Unionspolitik inhaltlich bedeute. Reiche habe sich bisher lediglich in der Jugend- und Umweltpolitik zu Wort gemeldet sowie bei der Bioethik. Hier hatte sich die evangelische Christin zusammen mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten und evangelischen Pfarrer Peter Hintze für den Import embryonaler Stammzellen sowie für verbrauchende Forschung an überzähligen Embryonen in Deutschland ausgesprochen. Dies war damals in der katholischen Kirche, sowohl beim ZdK als auch in der Bischofskonferenz, auf scharfe Kritik gestoßen.

Auch der erste Auftritt Reiches am Sonntagabend bei „Sabine Christiansen“ war aus Sicht der Kirche kein Beleg ihrer Familienkompetenz. Sie wolle die Rechte von Homosexuellen stärken, aber zugleich am „besonderen Status der Ehe“ festhalten, hatte die CDU-Politikerin in der ARD-Sendung erklärt. Als Beispiel für die Benachteiligungen homosexueller Paare, die beseitigt werden müssten, nannte sie das Fehlen eines Zeugnisverweigerungsrechts vor Gericht, eines Besuchsrechts in der Haft sowie der Mietnachfolge im Todesfall. Nichts Neues, „lupenreine CDU-Politik“ und im Übrigen seit einiger Zeit Gesetz, heißt es dazu lakonisch bei ZdK und Bischofskonferenz.

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