Karikaturenstreit : Internationaler Aufruf gegen Gewalt

Angesichts anhaltender gewaltsamer Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen haben die Vereinten Nationen, die Europäische Union und die Organisation der Islamischen Konferenz Muslime in aller Welt zur Ruhe aufgerufen.

New York/Teheran - In einer am Dienstagabend in New York veröffentlichten gemeinsamen Erklärung versichern UN-Generalsekretär Kofi Annan, der EU-Außenbeauftragte Javier Solana und der Generalsekretär der Islamischen Konferenz, Ekmeleddin Ihsanoglu, der «muslimischen Welt, dass ihr Ärger über die Publikation dieser beleidigenden Karikaturen von allen Menschen und Gesellschaften geteilt wird, die Verständnis für die Sensitivität religiöser Überzeugungen haben». Die jüngsten Gewaltakte gingen jedoch über die Grenzen eines friedlichen Protests hinaus.

Bei gewalttätigen Protesten gegen die Karikaturen hat es erneut Tote gegeben. In Afghanistan wurden bislang mindestens zehn Menschen getötet. In drei weiteren Provinzen und in der Hauptstadt Kabul kam es am Mittwoch zu friedlichen Protesten. In Teheran griffen Demonstranten am Abend die norwegische Botschaft an. Auch in Ägypten, Jemen, Iran und Pakistan gingen erneut zehntausende Muslime aus Protest gegen die Karikaturen auf die Straße.

«Wir verstehen die tiefe Verletzung und weit verbreitete Verärgerung in der muslimischen Welt», hieß es in der Erklärung von UN, EU und OIC. Zwar gibt es nach Meinung von Annan, Solana und Ihsanoglu kein Rütteln an der Meinungsfreiheit, dessen ungeachtet sollte die Presse aber den Glauben und die Lehren aller Religionen respektieren.

Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen, in dessen Land die Mohammed-Karikaturen zuerst veröffentlicht worden waren, forderte Muslime in aller Welt zum Dialog auf. «Dieser Konflikt hat sich von einem Streit um die Zeichnungen zu einer internationalen Krise entwickelt», sagte Rasmussen in Kopenhagen. US-Präsident George W. Bush habe ihm seine volle Unterstützung zugesichert.

Der Präsident des Europaparlamentes, Josep Borrell, forderte von den Medien «Verantwortungsbewusstsein» bei der Ausübung des Rechts der Pressefreiheit. «Pressefreiheit ist zwar ein Wert, der vertreten werden muss, aber dieser Wert muss auch verantwortungsbewusst gehandhabt werden», sagte Borrell am Dienstag in Brüssel.

Einen Tag nach Angriffen auf dänische und österreichische Vertretungen in Teheran griffen Demonstranten am Dienstagabend auch die norwegische Botschaft in der iranischen Hauptstadt mit Steinen und Brandsätzen an.

Der oberste Führer Irans, Ajatollah Ali Chamenei, rechtfertigte die Proteste. «Diese Wut ist gerechtfertigt und sogar heilig. Sie wendet sich jedoch nicht gegen die Christen weltweit, sondern gegen einige diabolische Kräfte, die an dieser teuflischen Affäre beteiligt sind.» Chamenei, der in allen Staatsangelegenheiten das letzte Wort hat, beschuldigte stattdessen Israel. Die Affäre um die Karikaturen sei eine «Verschwörung der Zionisten, um Spannungen zwischen Muslimen und Christen zu erzeugen».

Als Reaktion auf die Karrikaturen plant die große iranische Zeitung «Hamschahri» einen «internationalen Karikaturen-Wettbewerb zum Holocaust». Der Gewinner solle eine Goldmünze erhalten, hieß es in einer Mitteilung der Zeitung «Hamschahri». Das Blatt gehört zu den größten des Landes. Sie ist im Besitz der Stadt Teheran und wurde vorübergehend vom jetzigen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad geleitet, als er noch Teheraner Bürgermeister war. (tso/dpa)

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