Politik : Karl-Heinz Kunckel und die SPD auf dem Weg zur Kleinpartei

Ralf Hübner

Der Zeitpunkt war einfach falsch. Diese Wahlen hat Karl-Heinz Kunckel nicht gewinnen können. Als sich vor Wochen die Umfragekurve für die SPD immer tiefer neigte, hatte der sächsische SPD-Chef in einer stillen Stunde fast wehmütig darüber philosophiert, dass er jetzt Ministerpräsident sein könnte - wenn vor einem Jahr gewählt worden wäre. Damals lag nach Erfolgen bei Oberbürgermeisterwahlen in Leipzig und Görlitz eine Hauch von Euphorie in der Luft, da war das Landesergebnis von 30 Prozent bei den Bundestagswahlen, und Rot-Grün regierte im Bund. Die 16,6 Prozent zu den Landtagswahlen 1994 gerieten langsam in Vergessenheit. Nun stehen sie, nach den (laut ersten Hochrechnungen) etwa 10 Prozent vom Sonntagabend, dem schlechtesten aller SPD-Wahlresultate, noch als grandioses Ergebnis da.

Auf diese Wahlen hatte Kuckel zielstrebig hingearbeitet. Die "schwarze Festung" sollte geschleift werden. Kunckel hat die Partei nach ihrer Niederlage 1994 wieder aufgerichtet, neu strukturiert und konsequent auf seine Linie eingeschworen. Eine Diskussion über Annäherung an die PDS wurde strikt unterbunden, als einziger Landesverband im Osten verweigerte sich Sachsen jeder Liason mit den SED-Nachfolgern, systematisch wurden Kritiker abgedrängt. Mit wahrer Hingabe versuchte sich die Partei an trockener Programmarbeit. Der Qualitätssprung im Wahlkampf zu 1994 war nicht zu übersehen. Das Wahlkampfteam mit einem führenden Gewerkschaftsfunktionär, einem Arbeitgeberfunktionär und einem ehemaligen Universitätsrektor galt als geschickter Schachzug Kunckels. Mit einem themenbezogenen Wahlkampf sollte Kurt Biedenkopf paroli geboten werden. Aber dann musste er - wie vor ihm Stolpe in Brandenburg und Dewes in Thüringen - erleben, dass wegen der Bundespolitik der Wind nicht in den Rücken, sondern ins Gesicht blies.

Bundeskanzler Gerhard Schröder nennt Kunckel einen Freund und lobt beinahe ein wenig zu demonstrativ dessen "Fähigkeit zu menschlichem Anstand." Schröder wird wissen warum, schließlich hat er den sächsischen SPD-Landeschef schon mehrfach spüren lassen, dass er auch zu Biedenkopf ein gutes Verhältnis pflegt. Der Kanzler enthielt sich denn auch bei seinen Auftritten in Sachsen jeder Kritik an dem Ministerpräsidenten. Diesen Beistand vermochte Schröder nicht zu leisten. Doch auf Kunckel war Verlass. Er hat für Schröders Zukunftsprogramm die Hand gehoben, dazu steht er und muss nun beweisen, dass er kein "Politiker nur für schönes Wetter" ist. Deshalb fand er es wohl als unbotmäßig, im Stile Reihard Klimmts gegen Schröders Politik zu wettern. Das mag der Kanzler gemeint haben, als er den Anstand des Kandidaten lobte.

Dass ihm der große Erfolg verwehrt bleiben würde, hatte Kunckel geahnt. Ausgehend von dem Bundestagswahlergebnis waren 25 Prozent als Zielmarke ausgegeben worden. Das erschien realistisch und angemessen. Daran hat er tapfer festgehalten, bis zum Schluss.

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