Politik : Karrieristen und andere Übel

Von Harald Martenstein

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Weil wir in Deutschland leben, werden wir, was den Nationalsozialismus betrifft, bestimmt noch einige weitere Debatten erleben. Es geht gar nicht anders.

Ob jemand, zum Beispiel der verstorbene Herr Filbinger, damals Nationalsozialist war oder nicht, finde ich, ehrlich gesagt, beinahe unwichtig. Ich habe nicht begriffen, wieso der Trauerredner O. glaubte, dem Verblichenen etwas Gutes zu tun, indem er dessen angebliches Nichtnazisein hervorhob. Der Verblichene hat ja, als Mitglied des NS-Terrorapparates, nachweislich dabei mitgeholfen, jemanden umzubringen. Wenn er kein Nazi war, dann hat er es wahrscheinlich aus Opportunismus und Karrierismus getan. Ist das besser? Steht er damit in einem milderen Licht?

Das, was in einem Kopf vorgeht, weiß man sowieso nie genau. Die Taten sieht man. Der Fabrikant Schindler zum Beispiel ist Mitglied in der NSDAP gewesen. Es ist keineswegs auszuschließen, dass Schindler, und sei es nur für einige Wochen, wirklich an die dazugehörige Ideologie geglaubt hat. Nehmen wir ruhig an, es war so. Und? Würde das etwas ändern? Der eine hat gegen die Mordmaschinerie gearbeitet, der andere für sie. Das ist doch das Entscheidende, selbst wenn Schindler zeitweise ein Nazi gewesen wäre und Filbinger niemals.

Jede Ideologie, auch die abseitigste, erhebt interessanterweise den Anspruch, die Welt besser zu machen. Sogar in einer mörderischen Weltanschauung steckt die Idee der Weltverbesserung, im Grunde natürlich eine schöne Idee, obwohl das Wort „Weltverbesserer“ zum Schimpfwort geworden ist. Jemand, der an den Nationalsozialismus oder – ich will das nicht gleichsetzen – an den Kommunismus glaubt, kann durch die Wirklichkeit bekehrt werden. Die Geschichte wimmelt von abgefallenen Kommunisten und auch ein paar abgefallenen Nationalisten, die erschrocken sind, als sie die praktischen Auswirkungen ihrer Weltverbesserungsidee gesehen haben.

Ein Karrierist dagegen kann von keinem Glauben abfallen. Er durchschaut die Ideologie ohnehin und glaubt nur an sein Wohl, nicht an eine bessere Welt. Der Karrierist verwandelt sich 1945 oder 1989 innerhalb weniger Wochen in einen Musterdemokraten. Der Gläubige schafft das nicht. Ich habe den Verdacht, dass unter den Bedingungen einer Diktatur die Karrieristen manchmal sogar die gefährlicheren Leute sind, weil sie besonders effektiv arbeiten, weil sie keinen Zweifel kennen, keine Idee von Gut und Böse und kein Gewissen.

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