Politik : Kaschmir-Konflikt: Der letzte Bus ist abgefahren

Ashwin Raman

Die Friedensstifter sitzen auf beiden Seiten der Grenze - zumindest ihren Worten nach. Indiens Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee sagte am Samstag: "Dem von Pakistan unterstützten Terrorismus in Kaschmir wollen wir ein für alle mal ein Ende setzen. (...) Aber Indien wird auch alles tun, einen Krieg zu vermeiden." Pakistans Präsident Pervez Musharraf sagte am selben Tag in Islamabad: "Wir werden uns zu wehren wissen. (...) Wir möchten den Konflikt aber auf diplomatischer Ebene lösen."

Musharraf erklärte sich sogar bereit, Vajpayee zu treffen. Dieser lehnte das kurzerhand mit der Begründung ab, dass Pakistan erst beweisen solle, dass es den Terrorismus in Kaschmir aktiv bekämpft. Am 21. Dezember soll die indische Luftwaffe das Grenzgebiet bombardiert haben. Laut pakitanischem Verteidigungsministerium befinden sich 95 Prozent der indischen Luftwaffe in Kriegsbereitschaft. Am Samstag begann Indien damit, 40 Dörfer in der Kaschmirregion zu evakuieren, nachdem am Vortag zwei Zivilisten durch pakistanische Soldaten getötet worden waren.

In Jammu wurden am Samstag bei einem Granatenangriff mutmaßlicher militanter Moslems sieben Kaschmiris verletzt, beim Beschuss pakistanischer Stellungen durch indische Truppen an der Waffenstillstandslinie kam ein Zivilist ums Leben. Die pakistanische Polizei hob unterdessen in Quetta ein riesiges Waffenlager aus. Die Waffen seien offenbar aus Afghanistan eingeschmuggelt worden, teilte die Polizei mit. Gleichzeitig wurden bei einem Minenunfall in der Grenzregion Gamanewala des indischen Bundesstaates Rajasthan nach indischen Angaben 15 indische Soldaten getötet.

Am Busbahnhof in Delhi kam es zu emotionalen Szenen, als der letzte Bus nach Pakistan startete. Doch nicht nur die Bus-, Bahn-, und Flugverbindungen zwischen beiden Staaten sind unterbrochen. Die pakistanische Regierung untersagte am Samstag auch die Ausstrahlung indischer Fernsehprogramme über Satellit und Kabel.

Hinter den Kulissen sind die USA bemüht, zu vermitteln. Besonders aktiv ist hierbei die CIA, denn Musharraf hat angedroht, einen Teil der 60 000 Soldaten aus dem afghanischen Grenzgebiet nach Kaschmir zu versetzen. Mit der Zustimmung von Außenminister Powell und Sicherheitsberaterin Rice haben sich in diesen Tagen hohe Beamte der CIA mehrmals mit Musharraf getroffen. Sie sollen ihm nahe gelegt haben, "flexibler" mit dem indischen Standpunkt umzugehen.

Die USA unterstützen den indischen Vorschlag, dass beide Länder die Teile Kaschmirs behalten, die sie 1947 zugesprochen bekommen haben. Ferner soll es allen Kaschmiris erlaubt sein, sich in beiden Staatsgebieten frei zu bewegen. Ein Mitarbeiter des State Department sagte dem Tagesspiegel am Sonntag: "Musharraf zeigt sich flexibler als in der Vergangenheit." Pakistan besteht auf offene Grenzen zu Kaschmir und erhebt Anspruch auf die Gewässer Kaschmirs, sowie auf einige Bergregionen, die sich im indischen Teil Kaschmirs befinden.

Inzwischen gibt es auch Fortschritte bei der Aufklärung des Attentats am 13. Dezember auf das indische Parlament. Die indische Regierung macht die in Pakistan ansässige islamistische Gruppierung Jaish-i-Muhammad für den Anschlag verantwortlich. Ein indischer Geheimdienstmann sagte dem Tagesspiegel: "Wir haben die Mobiltelefone der getöteten Terroristen überprüft und festgestellt, dass Nummern von Führungspersonen der Jaish in ihnen gespeichert waren." Er sagte jedoch, dass es keinen Anhaltspunkt für eine Verbindung zwischen dem pakistanischen Militär und Geheimdienst und den Attentätern gebe.

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