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Katastrophe im Südsudan : Seerosen gegen den Hungertod

Im Bürgerkriegsland Südsudan sind 100.000 vom Hungertod bedroht. In ihrer Verzweiflung essen die Menschen alles, was sie finden. Bei einer Konferenz in Berlin geht es um weitere Hilfen.

Viele Kinder sind unterernährt. Die UN erklärten bereits Februar für Teile des Südsudans eine Hungersnot.
Viele Kinder sind unterernährt. Die UN erklärten bereits Februar für Teile des Südsudans eine Hungersnot.Foto: dpa

Der Hunger treibt Maria Nyamuoka Tag für Tag in die Sümpfe des Weißen Nils. Dort watet sie hüfttief im schlammigen Wasser und sucht nach Seerosen, um ihre Familie am Leben zu halten. "Die Kinder jammern immer, dass sie Hunger haben", sagt die 28-jährige Mutter von drei Kindern im Bundesstaat Unity, dem am schlimmsten betroffenen Hungergebiet im Südsudan. Nyamuoka gestikuliert verzweifelt: "Aber ich habe nichts, was ich ihnen geben kann."

Spätestens seit den Gemälden von Claude Monet sind Seerosen in der westlichen Welt ein Symbol der Idylle. In Teilen des Bürgerkriegslandes Südsudan sind sie jedoch oft das Einzige, was zwischen Hungertod und Überleben steht. Die Samen in den Knospen und die Wurzeln der Seerosen sind nicht sehr nahrhaft, aber essbar und ganzjährig zu finden. "Man braucht ungefähr 50 Seerosen für eine Mahlzeit für die Familie", erklärt Magai Mayak Gatbuok. "Es dauert einen ganzen Tag, so viele zu sammeln", sagt die achtfache Mutter.

Die Seerosen, "Yiel" in der örtlichen Sprache Nuer, werden normalerweise getrocknet und gekocht, aber manchmal lässt Gatbuok die Kinder die Knospen auch roh essen, damit sie sich bis zur nächsten Mahlzeit gedulden können. "Sie essen nur, damit sie das Warten aushalten." Die Familie kann inzwischen nur noch ein Mal pro Tag essen, für mehr reicht es nicht. Die meisten Familien essen abends, denn wenn Kinder hungrig ins Bett müssen, können sie nicht schlafen.

Die Vereinten Nationen haben für Teile des Bundesstaats Unity Ende Februar eine Hungersnot erklärt - die erste weltweit seit 2011. Es ist ein Hilfeschrei. "Wenn die internationale Gemeinschaft jetzt nicht reagiert, dann wird die Hungersnot sich auf weite Teile des Landes ausbreiten", warnt Stefano Temporin, der Landesdirektor der Welthungerhilfe im Südsudan. Nach UN-Angaben sind in den Gebieten rund 100.000 Menschen unmittelbar vom Hungertod bedroht, eine Million weitere stehen kurz davor. Die ersten Opfer sind meist Kinder unter fünf Jahren. Ihr Immunsystem ist am schwächsten. Landesweit sind 5,5 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

In der Region sind tausende Kinder mangelernährt

Der Ort Ganyliel - ausgesprochen wie "Ganjiel" - ist eine Sammlung von mit Schilfgras bedeckten, runden Lehmhütten. Es gibt hier keinen Strom, kein Mobilfunknetzwerk, keine geteerten Straßen. Für die rund 50.000 Einwohner von Ganyliel und Umland gibt es nur einen Arzt. In Deutschland kämen auf diese Einwohnerzahl 190 Ärzte. Trotz allem haben die Menschen in Ganyliel - gemessen an der schrecklichen Hungerkrise - noch Glück: Helfer verhindern hier ein Massensterben.

"Die Kinder haben nie genug zu essen, aber ohne die Hilfe hätten wir zuhause gar nichts zu essen", sagt Mary Nyak Badoy. Sie ist frühmorgens mit ihrem Sohn aufgebrochen und drei Stunden nach Ganyliel marschiert, wo die Welthungerhilfe Nahrungsmittel verteilt. Die zehnfache Mutter reiht sich in die Schlange der Wartenden ein. Geduldig steht und sitzt sie viele Stunden bei über 40 Grad Celsius in der Sonne und wartet, bis sie ihre Monatsration bekommt.

Pro Familienmitglied sind das 900 Milliliter mit Vitaminen gestärktes Speiseöl, 15 Kilogramm Hirse und 1,5 Kilogramm Bohnen oder Linsen. Auf die Frage, wann die Familie zuletzt Fleisch gegessen hat, schüttelt Badoy den Kopf. "Ich kann mich nicht daran erinnern." Es gebe jeden Tag "WalWal", den in der Region üblichen Hirsebrei. "Wenn die Hirse-Rationen aufgebraucht sind, gehe ich Seerosen sammeln."

In der Region sind tausende Kinder mangelernährt. Immer wieder sieht man herausstehende Rippen, vereinzelt auch Hungerbäuche - ein Zeichen schwerer Mangelernährung. Wenn kleine Kinder über längere Zeit mangelernährt sind, werden sie sich nie voll entwickeln können. Es droht eine verlorene Generation. Doch herrscht hier offiziell nur eine Hungerkrise der Stufe vier auf einer Skala bis fünf. Noch schlimmer ist es in den nördlich angrenzenden Gebieten von Mayendit und Leer, für die eine Hungersnot ausgerufen wurde. Dort bekämpfen sich Regierung und Rebellen, Helfer haben kaum Zugang zu den Notleidenden. Dort sterben ohne Zeugen Tausende in Folge des Hungers.

Selbst stabile Gebiete wie Ganyliel können wegen Kämpfen nicht mehr über Land erreicht werden, der Ort wird mit einer Luftbrücke am Leben gehalten. Kleinere Lieferungen bringt das Welternährungsprogramm (WFP) mit Hubschraubern, die Größeren kommen mit Transportflugzeugen.

Am Morgen ist plötzlich das Dröhnen eines Flugzeugs zu hören. Eine vierstrahlige Frachtmaschine des WFP steuert im Tiefflug von etwa 100 bis 200 Metern Höhe auf Ganyliel zu. Über einer gesicherten Abwurfzone reißt der Pilot dann die Maschine nach oben; schon purzelt die Lieferung aus der Heckklappe. Es regnet Hilfsgüter: Hirse und Hülsenfrüchte kommen in reißfesten Säcken, das empfindlichere Speiseöl wird in gepolsterten Kisten an Fallschirmen abgeworfen.

Es grassiert zudem die hochinfektiöse Cholera

Doch für den einjährigen Kime wäre die Hilfe fast zu spät gekommen. Er kam vor neun Tagen mit akuter Mangelernährung in die Krankenstation der Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC). "Als ich ihn gebracht habe, hatte ich große Angst, dass er sterben würde", sagt seine Mutter Nyakuoth Tap. Er hatte Durchfall und reagierte kaum noch, erinnert sich die dreifache Mutter. Der Kleine wog nur noch 4,8 Kilogramm - ein lebensgefährlicher Zustand.

"Das Problem ist nicht nur der Hunger", sagt die kenianische IRC-Ärztin Jeldah Mokeira. "Durch den Hunger sind die Immunsysteme geschwächt und es kommt zu vielen anderen Infektionen", erklärt sie. Durchfall, Husten oder Malaria könnten vor allem für geschwächte Kinder schnell tödlich verlaufen. Die Zahl der Durchfallerkrankungen steige momentan rasant an. Zudem grassiere die hochinfektiöse Cholera, es gebe Hunderte Fälle. "Zur Zeit versuchen die Menschen, wirklich alles zu essen, was sie finden können."

In Teilen Ostafrikas, etwa in Äthiopien oder in Somalia, herrscht derzeit eine Hungerkrise, die von einer Dürre ausgelöst wurde. Die Krise im Südsudan ist jedoch vom Menschen verursacht: Schuld ist der Bürgerkrieg. Mit internationaler Unterstützung erlangte der ölreiche Südsudan 2011 die Unabhängigkeit vom Sudan. Doch Ende 2013 brach ein Machtkampf aus zwischen Präsident Salva Kiir vom Volk der Dinka und seinem damaligen Stellvertreter Riek Machar, vom Stamm der Nuer.

Zehntausende sind der zunehmend auch ethnisch motivierten Gewalt der beiden Lager zum Opfer gefallen. Der Südsudan hat sich seither zur größten Flüchtlingskrise in Afrika entwickelt. Rund 1,6 Millionen Menschen sind ins Ausland geflohen. Im benachbarten Uganda kommen laut UN-Flüchtlingshilfswerk derzeit jeden Tag etwa 2000 bis 4000 weitere Flüchtlinge an. Weitere 1,9 Millionen Menschen sind aus ihren Dörfern geflohen und haben anderswo im Land Schutz gesucht.

Magai Mayak Gatbuok hofft, genug Seerosen zu finden.
Magai Mayak Gatbuok hofft, genug Seerosen zu finden.Foto: dpa

Das Ausmaß der Vertreibung ist eine der Hauptursachen der Hungerkrise, denn die meisten Familien haben traditionell von ihrem Land und ihren Kühen oder Ziegen gelebt. "Bei der Flucht konnten wir nichts mitnehmen", erzählt Thomas Pay Geng, der wegen Kämpfen mit seiner Familie aus Mayendit geflohen ist. "Zuhause haben wir Äcker bestellt. Jetzt sind wir nur um unser Leben gelaufen." Der 32-jährige Vater von acht Kindern gehört zu den rund 550.000 Binnenflüchtlingen allein in Unity. Sein Dorf wurde im März vom Militär (SPLA) angegriffen, weil dort die Rebellen (SPLA-IO) das Sagen hatten. "Als sie besiegt waren, fingen die Regierungssoldaten an, die Häuser in Brand zu stecken. Sie haben viele getötet, sogar Kinder", sagt Geng.

Alle Bemühungen um eine friedliche Lösung liegen derzeit auf Eis

In Nyal schläft seine Familie nun mit dutzenden anderen Flüchtlingen im Freien. Die Kinder tragen teils zerfetzte Kleidung, teils nur ein T-Shirt. "Jetzt haben sie sofort Angst, selbst wenn sie nur eine Trommel hören. Sie fürchten, dass wieder geschossen wird." Geng glaubt nicht, dass er je zurück kann. Die Heimat würde jetzt von den Dinka kontrolliert. In Nyal fühle er sich inmitten der Nuer sicher. "Wir können nicht mit denen leben, die unsere Brüder getötet haben."

Gewalt schürt immer neue Gewalt. Selbst in den Hungergebieten ist der stolze Schatz fast jedes Familienvaters eine Kalaschnikow. Alle Bemühungen um eine friedliche Lösung liegen derzeit auf Eis. "Was wir jetzt dringend brauchen, ist ein Waffenstillstand", erklärt der UN-Sondergesandte für den Südsudan, David Shearer. Dann könnten Helfer auch Hungernden in bisher umkämpften Gebieten helfen.

Für den Kampf gegen die Hungerkrise werden nach UN-Angaben in diesem Jahr rund 1,5 Milliarden Euro gebraucht, doch bislang ist erst ein Viertel zugesagt. Die Hilfe für die Hungernden kann das eigentliche Problem - den Bürgerkrieg - nicht lösen. Doch die Welt könne nicht hunderttausende Unschuldige dem Hungertod überlassen, fordert Shearer. Es brauche Mitgefühl für "die Frauen, die Kinder, die Menschen, die einfach nur in Frieden in ihrem Land leben wollen."

Außenminister Gabriel appelliert an Weltgemeinschaft

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) appellierte am Mittwoch an die Weltgemeinschaft, mehr für die betroffenen Menschen zu tun. "Es ist Soforthilfe notwendig, um das nackte Überleben der Menschen zu sichern", sagte er zur Eröffnung der internationalen Konferenz "Berliner humanitärer Appell – Gemeinsam gegen Hungersnot". "Die Not der Menschen ist ungeheuer groß", sagte Gabriel. Bei der Konferenz gehe es darum, über eine "Größenordnung" der Hilfen zu sprechen sowie darüber, wie die betroffenen Länder langfristig stabilisiert werden könnten. UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi forderte die Weltgemeinschaft auf, "besser zu werden". Es müsse schnell gehandelt werden, sagte Grandi in Berlin. Nötig sei nicht nur Nahrung. Benötigt würden auch spezielle Hilfen etwa für Kinder.

So wie in Ganyliel, das von der Opposition kontrolliert wird. Doch der einst lebendige Markt des Ortes ist heute fast leergefegt. Rebellenführer Machar wirft der Regierung vor, Lieferungen zu blockieren, um den "Hunger als Waffe" einzusetzen. Die Regierung weist das zurück. Aber die Märkte sind auch leer, weil die Inflationsrate rund 500 Prozent erreicht hat. Lebensmittelpreise haben sich vervielfacht. Das Grundnahrungsmittel Hirse gibt es nicht mehr zu kaufen, Zucker und Salz werden noch als Delikatesse in 50-Gramm-Säckchen verkauft.

Neben der Hunger-Nothilfe bemühen sich Helfer auch, den Menschen Mittel zu geben, sich schon bald wieder selbst ernähren zu können. Die Welthungerhilfe etwa hilft mit dem Aufbau von Gemüsegärten und der Verteilung von Saatgut. Doch für langfristige Hilfsprojekte gebe es bislang zu wenig finanzielle Hilfen, sagt Temporin. Eine Hoffnung bieten die weitläufigen Sümpfe des Nils. Dort gibt es Fische, doch kaum jemand hat Netze oder gar Haken. Die UN haben in den Hungersnotgebieten bereits Tausende Fischereikits abgeworfen, die Welthungerhilfe will sie jetzt auch gezielt um Ganyliel verteilen.

Darauf hofft auch Both Puol, der aus Mayendit geflohen ist. Wie viele Binnenflüchtlinge hat er auf einer Insel im Sumpf Schutz gesucht. "Unsere einzige Nahrung dort sind Seerosen und Wurzeln", sagt der 32-Jährige. Immer wieder watet er durch den Sumpf in die Dörfer und bettelt um Hirse. Er hofft: "Wenn mir jemand eine Ausrüstung zum Fischen gibt, dann kann ich meine Kinder endlich wieder ernähren." (dpa)

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