Politik : Katastrophen-Schauplätze: Elend und soziales Engagement - ein prima Geschäft

Albrecht Meier

Weißer Helfer rettet schwarzes Kind. Oder noch besser: Weißer deutscher Helfer rettet schwarzes Kind. Es ist dieses Bild, das Kameraleute und Fotografen suchen, wenn es gilt, über einen deutschen Katastrophen-Hilfseinsatz zu berichten. Nicht immer deckt sich die Realität mit den Erwartungen der Öffentlichkeit hierzulande, aber manchmal kommt sie ziemlich dicht heran. Als im vergangenen Frühjahr Mosambik von einer Überschwemmungskatastrophe heimgesucht wurde, retteten weiße südafrikanische Hubschrauberpiloten eine Mutter und ihr neugeborenes Kind aus den Baumwipfeln in der Nähe der Stadt Chibuto. Das Bild ging um die Welt - und wühlte auch die deutsche Öffentlichkeit auf.

Die Medien bestimmen nicht nur die Bilder, die sich das heimische Publikum von einer Katastrophe macht. Zunehmend diktieren sie auch unmittelbar das Handeln der Hilfsorganisation und der Politik. Die langfristige, oft unspektakuläre Arbeit von Hilfsorganisationen in weltweiten Krisengebieten ist als Thema nicht sexy - eine Maxime, die nicht nur beim Privatfernsehen gilt, sondern auch für die Printmedien. Bevor die Bilder der Baumwipfel-Rettungsaktion von Chibuto ein Schlaglicht auf das Elend in Mosambik richteten, hat sich die Weltöffentlichkeit selten um den Staat im Südosten Afrikas gekümmert - auch nicht während des 20-jährigen Bürgerkrieges. Die Hilfsorganisationen bekommen die zunehmende Fixiertheit der Öffentlichkeit auf spektakuläre Katastropheneinsätze inzwischen zu spüren: Ihre Jahresberichte verzeichnen zunehmend Spenden, die in die Katastrophenhilfe fließen.

Um das gegenseitige Verständnis zwischen Medienleuten und Hilfsorganisationen zu fördern, versammelte Außenminister Joschka Fischer am Dienstag beide Gruppen an einem Tisch im Auswärtigen Amt. Dabei leben Medien und Hilfsorganisationen keineswegs in getrennten Welten. Im Gegenteil. Informelle Partnerschaften zwischen Medien und Hilfsorganisationen dienen dabei zwei Zielen, die nichts direkt miteinander zu tun haben: dem Ringen um Spenden und der Jagd nach Quote. "Der Mix aus Elend und sozialem Engagement ist ein prima Geschäft", merkte ein Teilnehmer selbstkritisch an. Fischer mahnte im Rahmen des Symposiums "Humanitäre Hilfe und die Medien" eine distanzierte Berichterstattung der Journalisten über die Verwendung der Hilfsgelder und die Qualität der Arbeit in den Nicht-Regierungsorganisationen an. Umgekehrt war auch der Aufruf der Journalisten an die Hilfsorganisationen zu hören, die Deutungshoheit über internationale Kriseneinsätze wieder zurückzufordern.

Das Auswärtige Amt baut derzeit ein ziviles Krisenreaktionszentrum auf und will nach den Worten von Fischer künftig die Zusammenarbeit mit den "natürlichen Verbündeten", den Hilfsorganisationen und den Medien, verstärken. Im globalen Mediendorf werden Krisen, auch wenn sie sich im Ausland abspielen, inzwischen schnell zu einer innenpolitischen Realität. "Die Geiselkrise auf Jolo wäre in den neunziger Jahren noch anders dargestellt worden," vermutet Fischer.

Auch im Angesicht der Flutkatastrophe von Mosambik im vergangenen Frühjahr geriet der Außenminister schnell unter Zugzwang. "Die Briten waren schneller am Katastrophenort als die Deutschen", "Fischer ist Afrika gleichgültig", "In Mosambik hat das Auswärtige Amt geschlafen" - so lautete der Tenor zahlreicher Berichte, nachdem die Öffnung mehrerer Stauseen die Katastrophe in Mosambik noch verschärft hatte.

Auf dem Höhepunkt der Krise schickte das Außenministerium deutsche Hubschrauber zum 12 000 Kilometer entfernten Katastropheneinsatz ins südliche Afrika. Dass amerikanische Soldaten zu diesem Zeitpunkt bereits zivile Katastrophenhilfe leisteten, interessierte in der deutschen Öffentlichkeit kaum jemanden.

Kriseneinsätze von einer Größenordnung, wie sie in Mosambik zu bewältigen war, setzen internationale Koordination voraus. Doch die fehlt bislang - gerade auf europäischer Ebene. Die bei der EU-Kommission angesiedelte Hilfsagentur "Echo" verwaltet zwar Mittel in der Höhe von 800 Millionen Euro, gilt aber als schwerfällig. Ein EU-Krisenzentrum ist geplant, existiert aber noch nicht. Die UN-Koordinierungsstelle UNDAC berät betroffene Regierungen in Krisengebieten und bündelt die weltweiten Hilfsangebote. Oft ist dann aber dennoch Zufall, wenn im Krisengebiet südafrikanische Piloten das "Bild der Woche" liefern.

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