Katholikentag : Christen und Juden wollen sich vom Papst nicht spalten lassen

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat den offiziellen Kontakt zur katholischen Kirche ausgesetzt, einige Rabbiner haben ihre Teilnahme am Katholikentag abgesagt. Doch es gibt Schritte auf dem Weg zur neuen Annäherung.

Claudia Keller

Osnabrück Henry G. Brandt ist erleichtert. Zwei Sätze waren es, die dem 80-jährigen Rabbiner aus Augsburg gutgetan haben. Bei der christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier auf dem Katholikentag am Donnerstagabend hatte Erzbischof Robert Zollitsch gesagt: „Eine Wende der Wende im Verhältnis zu den Juden wird es nicht geben. Dafür stehe ich hier“. „Diese zwei Sätze aus dem Mund des neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz waren wie ein Befreiungsschlag“, sagte Brandt am Freitagmorgen.

Nachdem sich der Konflikt zwischen der katholischen Kirche und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland in den vergangenen Monaten immer weiter zugespitzt hatte, ist dies ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur neuen Annäherung. Anlass für den Streit ist eine neue Version der Karfreitagsfürbitte, die Papst Benedikt XVI. eigenhändig für die von ihm wiederzugelassene tridentinische Messe konzipiert hatte. Mit Blick auf die Juden heißt es darin, Gott möge „ihre Herzen erleuchten, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen“. Auf jüdischer Seite sah man in Benedikts Formulierung alte antijudaische Vorurteile aufkeimen und verstand sie als Aufruf zur Missionierung der Juden.

Die neue Formulierung der Karfreitagsfürbitte kommt zu einer Zeit, da viele jüdische Vertreter ohnehin das Gefühl haben, der christlich-jüdische Dialog gerate ins Hintertreffen, seitdem der christlich-islamische Dialog wichtiger geworden ist. Sie werfen dem Papst zudem vor, die katholische Kirche gegen die anderen Religionen profilieren zu wollen – auch gegen die Juden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat den offiziellen Kontakt zur katholischen Kirche ausgesetzt, einige Rabbiner haben ihre Teilnahme am Katholikentag abgesagt.

Rabbiner Brandt, der Sprecher der Deutschen Rabbinerkonferenz, war für seine Teilnahme intern kritisiert worden. Aber er ist überzeugt, dass man Probleme nur lösen kann, indem man miteinander spricht. Auf dem Katholikentag, der noch bis Sonntag andauert, erwies sich das als richtige Strategie. Die Veranstaltungen zum christlich-jüdischen Dialog sind überfüllt, zur Gemeinschaftsfeier am Donnerstag kamen rund 500 Menschen. „Die jüdische Seele in unserem Land ist verletzt“, hatte Brandt bei der Feier gesagt und auf das 2000-jährige, meist von Demütigung und Verfolgung bestimmte Verhältnis zwischen Juden und Christen hingewiesen. Erst nach dem Holocaust seien die Kirchen aufgewacht, habe es eine „dramatische Wende in der Beziehung“ gegeben. Und jetzt, fragte Brandt, „kommt jetzt die Wende der Wende“? Zollitschs Klarstellung, es werde keine Wende der Wende geben, kam spontan. Im Manuskript seiner Rede war der Satz nicht vorgesehen. Als sich er und Brandt am Ende der Zeremonie umarmten, standen etlichen Zuhörern Tränen in den Augen. Brandt hofft, „dass diese Einstellung vieler Katholiken auch den Vatikan erreichen wird“.

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