Katholische Kirche : Bischof im Widerstand

Walter Mixa sieht sich als Mobbing-Opfer. Er sei krank und wirklichkeitsfern, heißt es aus seiner Diözese. Und müsse weg.

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Die größere Baustelle ist drinnen: Augsburgs Bischofspalais diese Woche.Foto: dpa
Die größere Baustelle ist drinnen: Augsburgs Bischofspalais diese Woche.Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Er ist zurückgetreten, emeritiert und offiziell im Ruhestand. Aber was sollen die Augsburger tun, wenn ihr Ex-Bischof Walter Mixa sich einfach nicht mit der Situation abfinden will? Sie könne keine Auskunft geben, sagt die Bistumssprecherin. Weder darüber, wie es im Moment ist, ob Mixa auftritt, Gottesdienste feiert, sich im Bischofsornat zeigt. Noch darüber, wie es in Zukunft weitergehen soll. Nur so viel: Man sei „im Gespräch“ mit ihm. Ob das Gespräch in guter Atmosphäre verlaufe? Ob sich die Stimmung getrübt habe, nachdem sich Mixa in den vergangenen Tagen als Mobbing-Opfer stilisiert hat und Bischofskollegen wie auch seinen Generalvikar und einen Augsburger Dompropst schwer beschuldigt hat? Sie könne dazu nichts sagen, sagt die Sprecherin. Große Hilflosigkeit ist zu spüren, wenn man sich im Bistum Augsburg umhört. Und große Wut.

Der Ton wird auch beim Diözesanratsvorsitzenden Helmut Mangold schärfer. „Man sollte ihm nahe legen, das Bischofspalais bald zu verlassen und sich zwei bis drei Jahre aus der Diözese herauszulösen“, sagte der Chef des Augsburger Diözesanrates, der 1,3 Millionen katholische Laien vertritt. Alle seien „geschockt“ über die Entwicklung.

Nicht nur, dass Mixa ins Bischofspalais zurückgezogen ist, Anfang dieser Woche erklärte er auch, dass er im Juli mit dem Papst bespreche wolle, ob es nicht einen Rücktritt vom Rücktritt geben könne. Notfalls wolle er auch vor den päpstlichen Gerichtshof ziehen. Dass er wieder in sein Amt als Bischof eingesetzt werden könnte, sei ausgeschlossen, erklärte der Vatikan am Mittwoch.

Geistliche wie Pfarrer Heribert Lidl aus Thalfingen sprechen offen von einer „Katastrophe“ für die Diözese und einer drohenden Spaltung. „Ich gebe Mixa den dringenden Rat, sich der Demut und Bescheidenheit zu befleißigen und alles daranzusetzen, die Anschuldigungen zu entkräften“, sagte der Pfarrer. Der Ingolstädter Sonderermittler Sebastian Knott kam zu dem Ergebnis, dass Mixa als Stadtpfarrer in den Jahren 1975 bis 1996 massiv Gewalt gegen Heimkinder angewandt habe. Mixas Anwalt Gerhard Decker hatte Knotts Bericht entschieden zurückgewiesen: Angaben mutmaßlicher Opfer seien nicht bewiesen.

Das Gebaren von Mixa hat dem Image der katholischen Kirche enorm geschadet. Seit Anfang des Jahres sind im Bistum Augsburg 7500 Katholiken aus der Kirche ausgetreten. Im gesamten vergangenen Jahr waren es nur 6000. Nach Mixas Rücktritt im April unterzeichneten mehr als 1000 Katholiken und Priester aus der Diözese eine „Pfingsterklärung“, in der sie fordern, dass Personalentscheidungen aus seiner Amtszeit hinterfragt und gegebenenfalls korrigiert werden müssen. „Rückblickend fragen wir, wie es dazu kommen konnte, dass Walter Mixa trotz der Warnung vieler Verantwortungsträger überhaupt Bischof von Augsburg und zuvor schon Bischof von Eichstätt geworden ist“, heißt es in dem Schreiben.

Walter Mixa hat sich nach seinem Rücktritt in einer psychiatrischen Klinik in Basel behandeln lassen. Den Grund dafür sehen viele aus seinem engeren Umfeld in einem Alkoholproblem. Darüber wurde schon mehrfach öffentlich spekuliert, ein Dementi gab es bisher nicht. Mixas Anwalt Decker war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Mixa sei krank, er leide unter „massivem Realitätsverlust“, das sagen jetzt auch viele Geistliche ganz offen. Pfarrer Lidl meint, der Bischof sei ein „Fall für den Psychiater“. Der frühere Redaktionsleiter von Radio Vatikan, Pater Eberhard von Gemmingen, sagte am Donnerstag im ZDF: „Bischof Mixa müsste zur Wirklichkeit zurückfinden. Er ist ein kranker Mann, deswegen ist es eigentlich blöde, wenn man so viel Lärm um ihn macht.“ Gemmingen ist überzeugt, dass der Vatikan Mixa nicht auf den Bischofsstuhl zurückkehren lasse: „Er muss weg.“  Auch Augsburger Jungpriester haben sich jetzt von Mixa abgewandt, obwohl er sie selbst geweiht hatte. Sie schrieben an den 69-Jährigen: „Wir selbst haben Sie häufig als weltfremd und stark ichbezogen erlebt, dies erkennen wir auch in Ihrem momentanen Vorgehen.“ Sie appellieren an Mixa, sich „zum Wohl der Kirche“ zurückzuziehen.

Auch in der Bischofskonferenz spricht man mittlerweile über Mixa wie über einen Kranken. Natürlich will keiner der Bischofskollegen sich mit Namen zitieren lassen, aber auch hier ist die Hilflosigkeit groß. Es gibt keinen früheren Fall, an dem man sich orientieren könnte, keine Regeln, wie man jetzt vorgehen soll.

Über dem Eingang des Augsburger Bischofspalais prangt das Bischofswappen mit dem Spruch „Jesus hominis salvator“ – Jesus ist des Menschen Retter. Vielleicht hilft das.

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