Katholische Kirche : Eine Generation tritt ab

Zahlreiche deutsche Diözesanbischöfe gehen in den Ruhestand. Woher die Nachfolger kommen, ist angesichts des Nachwuchsmangels in der katholischen Kirche offen.

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Der 74-jährige Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch (2. von links) gehört zu denjenigen, die demnächst in Ruhestand gehen werden.
Der 74-jährige Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch (2. von links) gehört zu denjenigen, die demnächst in Ruhestand gehen...Foto: picture-alliance/ dpa

Berlin - Die katholische Kirche in Deutschland steht vor einem großen personellen Umbruch. Zehn der 27 Diözesanbischöfe sind älter als 70 Jahre und sind gerade in den Ruhestand gegangen oder werden es in den kommenden fünf Jahren tun, darunter die führenden Geistlichen so wichtiger Bistümer wie Köln mit Kardinal Joachim Meisner (78), Mainz mit Kardinal Karl Lehmann (76) und Freiburg mit Erzbischof Robert Zollitsch (74). Woher die Nachfolger kommen sollen, ist offen.

Vier Bischofssitze sind jetzt schon vakant: Im Februar hatte der Papst den Rücktritt des 75-jährigen Bischofs Joachim Reinelt von Dresden-Meißen angenommen, im Juli ist der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller nach Rom gewechselt, wo er jetzt Chef der Glaubenskongregation ist. Am Montag ließ der Papst auch den Passauer Bischof Wilhelm Schraml (77) und seinen Erfurter Kollegen Joachim Wanke (71) in den Ruhestand ziehen. Wanke scheidet aus gesundheitlichen Gründen früher aus, als es für katholische Bischöfe üblich ist. Sie bieten mit 75 Jahren dem Papst ihren Rücktritt an, der ihn annimmt oder ablehnt. Auch die Priesterschaft steht unmittelbar vor dem Generationenwechsel.

Das Ausscheiden einer ganzen Generation stellt die Kirche vor große Probleme, denn es fehlt der Nachwuchs – auf der Führungsebene wie in den Gemeinden. Erst im Frühjahr hatte eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz den Niedergang der katholischen Theologie an den deutschen Unis aufgezeigt. Immer weniger studieren das Fach, auf Professuren gibt es oft nur einen Bewerber. Die Autoren der Studie prophezeien der Kirche einen „massiven Substanzverlust“. Ihr drohe, „als zeitgenössischer Ansprechpartner nicht mehr ernst genommen zu werden“. Im 20. Jahrhundert gehörten die katholischen Theologen aus Deutschland zu den besten weltweit, Joseph Ratzinger, der heutige Papst, Kirchenkritiker Hans Küng, der römische Kardinal Walter Kasper und der Mainzer Kardinal Karl Lehmann gaben entscheidende Impulse zur Erneuerung der Theologie. Doch die geistige Elite stirbt aus. Als mögliche Kandidaten für die vakanten Bischofssitze werden lediglich zwei Namen gehandelt: Monsignore Georg Gänswein, der Privatsekretär von Papst Benedikt XVI., und Prälat Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor des bayerisch-schwäbischen Wallfahrtsortes Maria Vesperbild und Freund von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Gänswein wie Imkamp sind erzkonservativ und nicht gerade berühmt für zukunftsweisende Denkanstöße.

Der Nachwuchsmangel manifestiert sich auch im Rückgang der Priesterzahlen. 1990 gab es in Deutschland noch 19 707 Priester, 2011 waren es 14 800. In diesem Zeitraum ist auch die Zahl der Kirchenmitglieder geschrumpft von 28,2 Millionen auf 24,2 Millionen, doch eben nicht in diesem Maße wie die Priesterschaft. 2010 wollten gerade mal noch 126 junge Männer in Deutschland katholische Priester werden, zehn Jahre zuvor waren es noch fast doppelt so viele. Im Berliner Erzbistum wurde dieses Jahr kein einziger Priester geweiht.

Wenn die Kirche weiter Frauen von den Weiheämtern ausschließt, am Zölibat festhält und an dem Gottesdienstverständnis, wonach nur Priester die Feier zelebrieren dürfen, wird es zu einer massiven Welle von Gemeindefusionen kommen. Auch in Berlin wird es künftig nur noch wenige Großgemeinden geben.

Der Generationenwechsel dürfte auch Folgen haben für die Frage, wie sich die Kirche theologisch aufstellt. In einer Woche feiert die Kirche 50-jähriges Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Generation, die jetzt abtritt, war geprägt von dieser Kirchenversammlung, die der Kirche die Tür zur Moderne öffnete und sie mit den westlichen Demokratien versöhnte. Die Kirche machte sich zentrale Errungenschaften der Moderne wie die Religionsfreiheit zu eigen. Aufbruchstimmung zog unter die Kirchendächer, vieles schien möglich. Die nachfolgende Generation ist geprägt von Abbrüchen als Folge der voranschreitenden Säkularisierung. Die religiöse Landschaft in Deutschland wird bunter, gleichzeitig vertieft sich die Kluft zwischen religiösen und säkularen Lebensformen. Junge Bischöfe wie Franz-Josef Overbeck in Essen und Kardinal Rainer Maria Woelki in Berlin haben sich von der Volkskirche verabschiedet. Was folgt, ist ungewiss. Vielleicht wird die katholische Kirche in 50 Jahren eine muntere, fromme Gruppe sein – neben einer Vielzahl anderer religiöser Gruppierungen. Dass man das auch als Chance sehen kann, hat der nun zurückgetretene Erfurter Bischof Joachim Wanke immer wieder deutlich gemacht. In Erfurt sind die Christen in der Minderheit.

„Religiöses ist den Menschen hier so fremd, dass es schon wieder interessant ist“, sagte Wanke – und machte vor, dass man Menschen für Kirche interessiert, indem man ihnen hilft, sich im Leben zurechtzufinden, tatkräftig, spirituell, seelisch.Claudia Keller

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