Katholische Kirche : Jesuiten wollen Missbrauchsopfer nicht lange warten lassen

Der Jesuiten-Orden will einen Vorschlag für Entschädigungszahlungen vorlegen – auch ohne Einigung mit der Bischofskonferenz oder dem Rundem Tisch der Regierung. Im Gespräch sind Pauschalbeträge von 5000 Euro pro Person.

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Berlin - In der Frage der Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs wollen die Jesuiten mit einem Vorschlag vorangehen. Eigentlich hatten Orden und Bischofskonferenz vor, vor dem nächsten Treffen des Runden Tischs gegen Kindesmissbrauch bei der Bundesregierung am 30. September einen gemeinsamen Vorschlag zu erarbeiten. Aber eine Einigung ist nicht in Sicht. „Es gibt verschiedene Positionen“, sagt Thomas Busch, der Sprecher des Jesuitenordens in Deutschland. Pater Klaus Mertes, der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, an dem im Februar die ersten Missbrauchsfälle bekannt geworden sind, rechnet „eher nicht“ mit einem gemeinsamen Vorgehen von Orden und Bischöfen.

Die Bischöfe kommen nächste Woche zu ihrer traditionellen Herbstvollversammlung in Fulda zusammen, wo es auch um Entschädigung von Missbrauchsopfern gehen soll. Unter den 27 Ortsbischöfen einen Konsens herbeizuführen, sei allerdings schwierig, sagt die Sprecherin der Bischofskonferenz. Noch sei „alles offen“.

Es sei eine Zumutung für die Opfer, noch lange auf eine Entschädigung warten zu müssen, heißt es bei den Jesuiten. Man wolle deshalb nicht abwarten, bis es am Runden Tisch der Bundesregierung einen Konsens gibt und „zeitnah“ einen eigenen Vorschlag machen. Notfalls müsse man alleine vorpreschen.

„Wir denken über Summen nach, die den Orden schmerzen“, sagt Jesuitensprecher Thomas Busch. „Interessant“ sei das Modell der katholischen Kirche in Österreich. Es sieht Pauschalbeträge von 5000, 15 000 und 25 000 Euro pro Person und je nach Schwere des Missbrauchs vor.

Um über die Wiedergutmachung zu sprechen, wollen sich am Sonnabend Vertreter des Ordens mit den ehemaligen Jesuitenschülern treffen, die sich in der Opferinitiative Eckiger Tisch zusammengeschlossen haben. „Wir halten einen Betrag im oberen fünfstelligen Bereich für angemessen“, sagt Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Berliner Canisius- Kollegs und Sprecher des Eckigen Tischs. Als Vergleichsrahmen nennt Katsch die katholische Kirche in Irland, die Opfern von Misshandlungen und Missbrauch in kirchlichen Heimen im Schnitt 70 000 Euro zahle. Auch sei man solidarisch mit dem Verband der ehemaligen Heimkinder in Deutschland, der gestaffelte Zahlungen zwischen 20 000 und 120 000 Euro oder eine Pauschale von 54 000 Euro (300 Euro im Monat auf 15 Jahre gerechnet) fordere. Es sei auch ein Stufenmodell denkbar, sagt Katsch, aber dann müsse es eine unabhängige Person sein, die versuche, das Leiden zu klassifizieren – niemand aus dem Orden. Die Summen, die in Österreich gezahlt werden, würden allerdings „unterhalb des Angemessenen liegen“.

Der Eckige Tisch fordert auch Entschädigungszahlungen vom Vatikan. Am 11. September hat die Initiative in einem Brief an den Heiligen Stuhl um Aufklärung gebeten, warum der Vatikansprecher am 2. Februar diesen Jahres kategorisch erklärt hatte, dass der Vatikan keine „speziellen Informationen“ habe über Vorfälle wie die am Canisius-Kolleg bekannt gewordenen. Der Skandal sei dem Vatikan lediglich aus den Medien bekannt, hatte Vatikansprecher Federico Lombardi damals gesagt.

Die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer hat im Auftrag des Eckigen Tisches mittlerweile recherchiert, dass einer der Haupttäter an den deutschen Jeuistenschulen 1991 im Rahmen seines Laisierungsverfahrens in Rom ein detailliertes schriftliches Geständnis über seine Missbrauchstaten an mehreren hundert Kindern abgelegt hat. Die Geschädigten wollen nun wissen, warum das Geständnis damals im Vatikan, genauer: in der Glaubenskongregation, ignoriert wurde, ob Papst Johannes Paul II. davon wusste und was die Kirche „zu tun gedenke, um die Opfer der damaligen Versäumnisse heute zu entschädigen“. 1991 war der heutige Papst Benedikt XVI. Präfekt der Glaubenskongregation.

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