Katholische Kirche : Marx wird Kardinal

Die von Missbrauchsskandalen gebeutelte deutsche katholische Kirche hat am Wochenende wieder Grund zum Feiern: Dann steigt der Münchner Erzbischof Reinhard Marx in Rom offiziell zum Kardinal auf.

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„Neue, größere Verantwortung“. So bezeichnet Reinhard Marx sein neues Amt. Demnächst könnte ein weiteres hinzukommen: Er wird auch als künftiger Chef der Deutschen Bischofskonferenz gehandelt. Foto: David Ebener / dpa
„Neue, größere Verantwortung“. So bezeichnet Reinhard Marx sein neues Amt. Demnächst könnte ein weiteres hinzukommen: Er wird auch...Foto: dpa

Er gehört dann zum wichtigsten Beraterkreis des Papstes. Der 57-jährige Marx und 23 andere Neu-Kardinäle werden in einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom ihre Kardinalsringe erhalten. Während die Kardinalswürde für den ebenfalls neuen Kardinal Walter Brandmüller eher der Dank für jahrelange Arbeit des 81-Jährigen als Chefhistoriker im Vatikan sein dürfte, bedeutet die Würde für Marx eine Art römischen Wink: Der vatikantreue und trotz aller Volksnähe konservative Experte für die katholische Soziallehre könnte bald an die Spitze der Deutschen Bischofskonferenz rücken.

Kardinäle sind nach dem Papst die höchsten Entscheidungs- und Würdenträger in der katholischen Kirche. Sie gelten auch als deren „Senat“ – eine ungenaue Bezeichnung insofern, als die nun insgesamt 203 Kardinäle keinerlei Beschlusskompetenz parlamentarischer Art haben. Auch treten sie als Gremium nur ganz selten auf: erstens, wenn der Papst sie zur Beratung einberuft und ihnen „zum Nachdenken und zum Gebet“ die Tagesordnung vorgibt; zweitens, wenn der Papst gestorben ist. Dann wählen die Kardinäle – aber nur jene, die noch keine 80 Jahre alt sind – den Nachfolger. Das ist ihre bedeutendste Aufgabe.

Ihren Namen beziehen die „Kardinäle“ historisch von den „cardines“. Mit diesem lateinischen Wort bezeichnete man früher die wichtigsten Kirchen der Stadt und des Umlands von Rom. Diese waren „Türangeln“ oder „Dreh- und Angelpunkte“ der römischen Kirche, und die Pfarrer beziehungsweise Bischöfe dieser Kirchen galten seit den christlichen Urzeiten als engste Berater des obersten Bischofs, jenes von Sankt Peter.

Heute ist das Kardinalskollegium tendenziell globalisiert, aber die Italiener haben immer noch relatives Übergewicht. Benedikt XVI. hat dieses nun sogar noch gestärkt: Als er selbst zum Papst gewählt wurde – am 19. April 2005 –, waren 20 italienische Kardinäle dabei (17,4 Prozent des Wahlkollegiums); bei einem Konklave heute wären es 25 (20,7 Prozent).

Auch wenn Kardinäle selten im Gremium auftreten, so haben sie einzeln doch starkes Gewicht in der Kirchenregierung. Die einen leiten die „Ministerien“ der Kurie. Die anderen behalten als Bischöfe zwar ihre Diözesen, gehören aber zusätzlich dem Vorstand mindestens einer, meist sogar mehrerer Kurienbehörden an. Sie pendeln zwischen ihren Bistümern und dem Vatikan hin und her.

Wen der Papst zum Kardinal befördern will, das entscheidet ausschließlich er selbst. Vorschriften gibt es nicht, Gewohnheiten sehr wohl. So gelten in Deutschland die Bistümer Köln, München und Berlin als „Kardinalsposten“; in Österreich ist es Wien. Diesmal aber fällt auf, dass Benedikt einige der „gesetzten“ Diözesen übergangen hat: Brüssel, New York, Westminster, Turin und Toledo zum Beispiel.

Kardinäle werden vom Papst formell auch nicht „ernannt“. Sie werden „geschaffen“ oder – nach dem lateinischen Wort – „kreiert“, genauso wie Welt und Mensch am Anfang der Zeiten. Bei der feierlichen Versammlung, dem „Konsistorium“, an diesem Wochenende, vollzieht Benedikt nach 2006 und 2007 seinen dritten Schöpfungsakt. Er zielt darauf ab, die durch Pensionierung und Sterbefälle gelichteten Reihen der Papstwähler aufzufüllen. Paul VI. hatte als Richtschnur die Zahl 120 vorgegeben; daran hat sich Johannes Paul II. gehalten, daran hält sich auch Benedikt XVI. Einschließlich der Beförderten von diesem Wochenende hat Benedikt damit bereits 62 Kardinäle ernannt; mehr als die Hälfte des Wählergremiums sind also „seine“ Leute. Und nachdem die ersten beiden Runden vermuten ließen, „Papa Ratzinger“ wolle seinen obersten Beraterkreis weiter so internationalisieren, wie es der heutigen Gestalt der katholischen Kirche entspräche – mit starken Wachstumszonen in Afrika und Asien und deutlichen Rückgängen im europäischen „Kerngebiet“ –, spielt er diesmal wieder die europäische Karte.

Von den 20 neuen Papstwählern – also von den Ernannten, die jünger sind als 80 Jahre – kommen elf aus Europa, acht Italiener, der Deutsche Reinhard Marx, der Schweizer Kurt Koch und der Erzbischof von Warschau, Kazimierz Nycz. Ganze drei sind Afrikaner – darunter allerdings ein nach Rom verpflanzter Kurienbischof; der ägyptische Patriarch der katholisch-koptischen Kirche spielt eine weitere Sonderrolle. Zwei der neuen Kardinäle stammen aus Nord-, zwei aus Südamerika. Asien ist einzig mit dem Erzbischof vom Colombo (Sri Lanka) im Club vertreten.

Insgesamt hätten die Europäer bei einem Konklave heute mit 62 Papstwählern eine Mehrheit von 51,2 Prozent. Bei der Wahl Benedikts waren es nur 50,4 Prozent. mit dpa

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