Katholische Kirche : Missbrauchsskandal: Hart in der Sache

Die Kanzlerin stützt die Kritik von Sabine Leutheuser-Schnarrenberger an den katholischen Bischöfen – inhaltlich. Die Justizministerin warf der Kirche vor, kein aktives Interesse an einer lückenlosen Aufklärung von Missbrauchsfällen zu haben.

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Berlin/ Freiburg - Der Regierungssprecher war um Deeskalation bemüht. Die Bundeskanzlerin habe keinen Zweifel, dass die in Freiburg zu ihrer Frühjahrstagung versammelten Bischöfe das Thema sexuellen Missbrauch „ernsthaft und gründlich bearbeiten und dabei auch die Opfer im Blick haben“, versicherte Ulrich Wilhelm am Mittwoch und nahm damit Stellung zum Konflikt zwischen dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberg (FDP), der das Verhältnis der gesamten Bundesregierung zur katholischen Kirche zu beschädigen drohte. Dabei brachte der Sprecher der Kanzlerin das Kunststück fertig, das Lob mit einer Aufforderung zu verbinden: Die Bischöfe hätten doch selbst erklärt, dass sie die umstrittenen Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsopfern ändern wollten, sagte er.

Vor allem über diese Leitlinien hatte sich die Liberalen in einem ARD-Interview am Montagabend empört: Dass die Bischöfe darin „in erwiesenen Fällen des sexuellen Missbrauchs“ nicht sofort die Justiz einzuschalten empfahlen, sondern Verdächtigen zur Selbstanzeige rieten und nur „je nach Sachlage“ den Staatsanwalt einschalten wollten, empfand die Jusitzministerin als Verweigerung gegenüber dem Rechtssystem. Sie warf der Kirche vor, nicht konstruktiv mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten. Ein aktives Interesse an einer lückenlosen Aufklärung habe sie offenbar nicht.

Daraufhin verlangte Zollitsch von Leutheusser-Schnarrenberger, sich innerhalb von 24 Stunden für ihre „falschen Tatsachenbehauptungen“ zu entschuldigen. Zudem beschwerte er sich telefonisch bei der Kanzlerin. Die sprach über das heikle Thema dann auch mit ihrer Ministerin – und empfahl ihr womöglich, das Gespräch mit Zollitsch zu suchen. Jedenfalls wollen der Erzbischof und die liberale Politikerin nun miteinander reden, auch wenn Leutheusser-Schnarrenberger von ihren Vorwürfen in der Sache nichts zurücknimmt. Es sei „ein wenig ungewöhnlich“, einem Mitglied der Bundesregierung eine Frist zu setzen, sagte ein Sprecher der Ministerin. In der Sache nehme sie ihre Kritik auch nicht zurück.

Die Stellungnahme des Regierungssprechers dagegen lässt nur eine Deutung zu: Die Kanzlerin, der an einem guten Verhältnis zur katholischen Kirche gelegen ist, ruft ihre Ministerin nicht öffentlich zur Räson, sondern stützt deren Sachkritik an den Leitlinien. Im Stil aber grenzt sie sich deutlich von der liberalen Politikerin ab, indem sie den Bischöfen nicht das Misstrauen, sondern ausdrücklich das Vertrauen ausspricht und eine weitere Eskalation verhindert, indem sie die Kontrahenten zum Gespräch zusammenbringt.

Die scharfe Reaktion von Erzbischof Zollitsch hatte auf der Freiburger Frühjahrstagung den den Beifall der Bischöfe gefunden. Es sei „weder formal noch inhaltlich“ gerechtfertigt, der Kirche mangelnde Rechtstreue zu unterstellen, sagte der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Die Bistümer würden selbstverständlich mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten. Vor allem vor dem Hintergrund wochenlanger Kritik an der Kirche hatte der Vorwurf der Ministerin die Würdenträger schwer getroffen. Am Montag hatte sich Zollitsch drei Wochen nach Bekanntwerden der ersten Fälle bei den Missbrauchsopfern entschuldigt. Inzwischen sind 115 Fälle bekannt geworden, in denen Kinder und Jugendliche an katholischen Schulen seit den 50er Jahren missbraucht worden sein sollen.

Das Verhältnis der Kanzlerin zur katholischen Kirche war 2009 schwer belastet worden, weil Merkel Papst Benedikt zu einer klaren Haltung gegenüber der Holocaust-Leugnung durch Piusbrüder aufforderte. Doch einen Zusammenhang mit dem alten Konflikt wollen weder die Bundesregierung noch die Bischöfe erkennen. Es handle sich „um sehr eigenständige Themen“, sagte der Regierungssprecher. Auch klagen die Bischöfe nicht über eine generell kirchenfeindliche Haltung der Regierung. „Ich sehe das als Ausrutscher einer einzelnen Ministerin“, sagte der Hamburger Bischof Werner Thissen.

Unterdessen hat der Anwalt eines Opfers gegen Zollitsch und seinen Vorgänger Kardinal Lehmann Strafanzeige wegen Strafvereitelung gestellt. Ausdrücklich berief er sich auf den Verdacht der Justizministerin, die Verantwortlichen in der Kirche hätten nicht ausreichendes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung.

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