Katholische Kirche : Papst Franziskus will Klöster für Flüchtlinge öffnen

Franziskus fordert: Leer stehende Kircheneinrichtungen sollen nicht mehr zu Hotels werden. Erstes Gespräch n Rom über die Kurienreform mit Kardinälen und Erzbischöfen.

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Franziskus von hinten winkend vor vielen Leuten
Beim Besuch der Flüchtlingshilfe der Jesuiten im Zentrum von Rom verlangte der Papst die Klöster für Asylsuchende zu öffnen. Das...Foto: AFP

Dass die Kirche aufseiten der Armen stehen soll, hat Franziskus vom ersten Tag an verlangt. Jetzt ist er aber auf eine Weise konkret geworden, die manchem in Rom nicht gefallen dürfte. Bei einem Besuch im Flüchtlingszentrum der Jesuiten in der Innenstadt forderte der Papst, die Ordensgemeinschaften sollten ihre leer stehenden Klöster „nicht in Hotels umwandeln und damit Geld verdienen“, sondern Flüchtlinge aufnehmen: „Die leer stehenden Klöster gehören nicht uns, sie sind für das Fleisch Christi da, und das sind die Flüchtlinge.“
Gerade in Rom werden seit Jahren Priesterseminare, kirchliche Kinderheime und Ordenskonvente aus Mangel an Nachwuchs in Hotels umgewandelt; aus manchem Nonnenkloster, wo es nur spartanische Zellen gab, sind regelrechte Vier-Sterne-Unterkünfte geworden. In unüberwindliche Klostermauern hat man breite Durchfahrten für Busse gebrochen. Die immer kleiner werdenden Gemeinschaften tragen mit dieser Neuorientierung auch dem stetig steigenden Touristenstrom Rechnung, der in der Ewigen Stadt nicht zuletzt dem Papst gilt. In der Regel sind „religiöse“ Unterkünfte preisgünstiger als weltliche – wozu lange Zeit beigetragen hat, dass kirchliche Häuser, auch wenn sie Gewinn erzielten, von der staatlichen Haus- und Grundsteuer befreit waren.
Bei seinem Besuch im Flüchtlingszentrum blieb Franziskus nicht bei dem karitativen Erste-Hilfe-Ansatz stehen, den das katholische Italien Schutzsuchenden bereitwillig zugesteht. „Sie einfach aufzunehmen reicht nicht“, sagte Franziskus: „Es reicht nicht, Brötchen an eine Person auszuteilen, die nachher nicht die Möglichkeit bekommt, auf eigenen Beinen zu sehen. Nächstenliebe, die einen Armen so lässt, wie er ist, genügt nicht. Wahre Barmherzigkeit verlangt nach Gerechtigkeit. Integration ist ein Recht.“

Der Papst an der Copacabana
Franziskus zum Anfassen. Der Argentinier ist der erste Südamerikaner an der Spitze der Katholischen Kirche und wird als Papst der Armen gefeiert. Vor allem in Brasilien, wohin nun seine erste Auslandsreise führte.Weitere Bilder anzeigen
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26.07.2013 09:41Franziskus zum Anfassen. Der Argentinier ist der erste Südamerikaner an der Spitze der Katholischen Kirche und wird als Papst der...

Fast auf den Tag genau sechs Monate nach der Wahl zum Papst hat Papst Franziskus auch seine Einarbeitungszeit im Vatikan abgeschlossen: Vor seinem Besuch bei den Flüchtlingen empfing er die Chefs der Kurienbehörden erstmals zu einer großen „Ministerrunde“. Das Treffen der etwa 30 Kardinäle und Erzbischöfe dauerte mehr als drei Stunden. Vatikansprecher Federico Lombardi sagte, der Papst habe „Überlegungen und Ratschläge seiner führenden Mitarbeiter hören“ wollen, die er bisher in getrennten, aber „ausführlichen“ Begegnungen getroffen habe.
Dass die Kirchen- und die Kurienreform die Hauptthemen waren, geht aus Lombardis gestelzter Bemerkung hervor, das Treffen gehöre „natürlich in den Zusammenhang der Umsetzung der Vorschläge, die die Kardinäle in der Vorbereitung auf das Konklave vorgelegt haben“ und außerdem in die „Überlegungen des Heiligen Vaters zur Kirchenregierung“. Der nächste dafür „wichtige Termin“ werde Anfang Oktober stattfinden, wenn sich die von Franziskus eingerichtete Achter-Runde von Kardinälen aus aller Welt zum ersten Mal trifft.

Lombardi wies ausdrücklich auf den Zeithorizont hin: Franziskus habe das Treffen genau sechs Monate nach seiner Wahl am 13. März veranstaltet. Die achtköpfige Kardinalsrunde zur Kirchenreform übrigens hatte Franziskus exakt einen Monat nach seiner Wahl eingerichtet.

An der „Ministerrunde“ im Vatikan, die in ihrer Art schon unter Papst Benedikt XVI. außerordentlich selten war, nahm am Montag auch der (mit Wirkung zum 15. Oktober) zurückgetretene beziehungsweise abberufene Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone teil. Franziskus hat nicht nur einen Nachfolger ernannt – den Vatikandiplomaten und derzeitigen Botschafter in Venezuela, Pietro Paolin –, sondern auch die bisher führenden Mitarbeiter Bertones im Amt bestätigt. Sein Amt als „Präfekt des Päpstlichen Hauses“ hat auch Erzbischof Georg Gänswein behalten, der weiterhin als Sekretär des emeritierten Benedikt XVI. arbeitet, für Franziskus aber praktisch nur die großen, politisch bedeutsamen Audienzen arrangiert.

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