Katholische Kirche : Welche Folgen haben die Vorwürfe gegen Mixa?

21.06.2010 23:14 UhrVon Claudia Keller
Walter Mixa im Blickpunkt  Foto: dpa; Montage Lobers
Walter Mixa im Blickpunkt - Foto: dpa; Montage Lobers

Gegen den zurückgetretenen Augsburger Bischof Walter Mixa sind weitere Vorwürfe bekannt geworden. Was bedeutet das für ihn – und für die katholische Kirche?

Fast wöchentlich werden neue Vorwürfe gegen den zurückgetretenen Augsburger Bischof Walter Mixa öffentlich. Dazu hat er vergangene Woche selbst beigetragen, indem er sich als Mobbing-Opfer stilisierte. Er sei von Bischofskollegen zu Unrecht zum Amtsverzicht gedrängt und hinterrücks von eigenen Mitarbeitern beim Papst angeschwärzt worden, hatte er erklärt. Nun haben Mixas Gegner der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein geheimes Dossier zugespielt, aufgrund dessen Papst Benedikt XVI. entschieden haben soll, Mixas Rücktrittsgesuch am 8. Mai anzunehmen.

Was wird ihm vorgeworfen?

Die geheime, weil nur für den Vatikan bestimmte Akte versammelt nach Angaben der beiden Zeitungen Zeugenaussagen engster Mitarbeiter und Bekannter Mixas, die belegen sollen, dass der Bischof ein Alkohol- und Wahrnehmungsproblem hat.

Mixa sei ein „Spiegeltrinker“, der einen bestimmten Alkoholpegel brauche, soll ein Mitarbeiter berichtet haben. Den Tag über habe der Bischof regelmäßig Wein und Hochprozentiges getrunken. Mehrere Zeugen gaben an, dass die Alkoholsucht mit einem „Wirklichkeitsverlust“ einherging.

Außerdem soll sich Mixa in mindestens zwei Fällen Mitte der 90er Jahre jungen Priestern so genähert haben, dass diese das als sexuellen Übergriff gewertet hätten. Ein Zeuge gab an, folgendes Gespräch zwischen Mixa und einem jungen Mann während eines gemeinsamen Urlaubs mitgehört zu haben: Der Bischof habe zu dem Mann gesagt „Bleib hier, ich brauche deine Liebe.“ Der junge Mann habe entgegnet: „Ich bin doch nicht schwul!“ Worauf Mixa geantwortet habe: „Ich doch auch nicht.“ Der Mann fragte dann: „Und was war gestern Abend?“ Einer der beiden jungen Priester hat angegeben, dass Mixa, der damals Stadtpfarrer in Schrobenhausen war, an einem Morgen nach dem Übergriff erst zur Beichte gegangen sei, bevor er die Messe gefeiert habe. Im Zuge der Ermittlungen wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten sei zudem ans Licht gekommen, dass Mixa Geld an eine Person in Rom gezahlt hatte, die im Rotlichtmilieu verkehrte.

Die Akte soll am 27. April an Jean-Claude Périsset, den päpstlichen Botschafter in Berlin, gegangen sein und von dort in den Vatikan. Das Dossier soll zusammen mit den zuvor bekannt gewordenen Vorwürfen, Mixa habe ehemalige Heimkinder geschlagen, den Ausschlag dafür gegeben haben, dass der Papst Mixas Rücktritt zugestimmt hat.

Welche Konsequenzen können die neuen Vorwürfe für Mixa haben?

Tiefer als jetzt kann der 69-Jährige nicht mehr fallen. Er hat sein Amt verloren und bei den meisten Katholiken auch sein Ansehen. Der Vatikan hat deutlich gemacht, dass es keinen Rücktritt vom Rücktritt geben wird. Bischof wird Mixa bleiben, die Weihe kann ihm keiner nehmen.

Nach den neuen Vorwürfen in dem Papst-Dossier dürfte es Mixa jedoch schwerer fallen, sich als Mobbing-Opfer darzustellen. Vergangene Woche hatte er Erzbischof Robert Zollitsch, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem Münchner Erzbischof Reinhard Marx und dem Augsburger Weihbischof Anton Losinger vorgeworfen, ihn nur aufgrund „unhaltbarer“ Missbrauchsgerüchte beim Papst angezeigt zu haben. Als die drei Bischöfe am 29. April auf Bitten des Papstes in Rom die Causa Mixa erläuterten, kannte Benedikt aber offenbar bereits die schweren Vorwürfen aus dem Dossier. Dass die drei Bischöfe am Morgen ihrer Abreise nach Rom von einem zusätzlichen Missbrauchsverdacht gegen Mixa erfuhren, spielte keine Rolle mehr für Benedikts Entscheidung, Mixa zum Rücktritt zu bewegen. Das vermeintliche Missbrauchsopfer dementierte später, dass Mixa es belästigt habe.

Der oberste Vertreter der Katholiken im Bistum Augsburg, der Diözesanratsvorsitzende Helmut Mangold, gab am Montag allerdings zu bedenken, dass selbst die besten Argumente Verschwörungstheoretiker nicht überzeugen könnten. Mixa und seine Freunde würden fest daran glauben, dass die Medien und Kirchengegner einen Kreuzzug gegen die Kirche führten und dass sie die einzigen verbliebenen treuen Katholiken seien, die zu ihr hielten. Mixas Anwalt Gerhard Decker ließ ausrichten, er halte die geheime Papst-Akte als Quelle für „ebenso nebulös wie das berichtete Geschehen“. Mixa könne und wolle sich zu den angeblichen Inhalten nicht äußern.

Wie reagiert die Kirche?

Sie schweigt. Der Vatikan, der päpstliche Botschafter in Berlin, die Bischofskonferenz, das Bistum Augsburg – alle schweigen. Man könne jetzt nur noch beten, dass Mixa ein Einsehen habe, das Bischofspalais verlasse und künftig den Mund halte, sagte einer aus der Kirchenmitte, der nicht genannt werden will.

Lediglich die Vertreter der katholischen Gläubigen äußerten sich am Montag. Helmut Mangold aus Augsburg wiederholte seine dringende Bitte, Mixa möge das Bistum verlassen und sich ein „absolutes Schweigen“ auferlegen, damit Ruhe einkehre. Seine Gegner und Freunde würden sich mittlerweile regelrecht „bekriegen“. „Lange können wir das nicht aushalten.“ Mangold bestätigte, dass das Bistum Augsburg Mixa ein Ultimatum gestellt habe, bis zu dem er das Bischofshaus verlassen müsse, in das er vor einer Woche überraschend zurückgekehrt war. Wann das Ultimatum ausläuft, wusste Mangold nicht. Das Bistum wollte dazu nichts sagen. Neu seien die Vorwürfe aus dem Papst-Dossier allerdings nicht, sagte Mangold. Im Bistum sei bekannt, dass Mixa ein Alkoholproblem habe. Auch über Annäherungsversuche an junge Priester sei getuschelt worden. Der in der Akte dokumentierte Ausspruch „Bleib hier, ich möchte deine Liebe“ zeuge von verzweifelter Suche nach zwischenmenschlicher Anerkennung. Mixa habe seine Bedürfnisse nicht unter Kontrolle gehabt. Der Zölibat habe das Problem verschärft, sagte Mangold.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fürchtet, dass Mixas Verhalten der Kirche „großen Schaden“ zufüge. Die Situation sei jetzt so „vergiftet“, dass nur noch der Vatikan die Angelegenheit um Mixa klären könne, sonst bleibe eine „unerträgliche Situation von Verdächtigungen und Vorwürfen“, sagte ZdK-Präsident Alois Glück.

Zurzeit treffen sich die Bischöfe der 27 Diözesen in Würzburg. Welche Rolle spielt das Thema dort?

Es steht nicht auf der Tagesordnung, die Causa Mixa werde am Rande eine Rolle spielen, sagte eine Sprecherin der Bischofskonferenz. Die Bischöfe sind zusammengekommen, um unter anderem eine verschärfte Fassung ihrer Leitlinien zur Aufklärung von sexuellem Missbrauch zu diskutieren. Strittig ist zum Beispiel nach wie vor, ob die Kirche sofort nach Bekanntwerden eines Verdachts die Staatsanwaltschaft einschalten und so womöglich den Vertrauensschutz des potenziellen Opfers preisgeben soll. Die Bischöfe wollen die Neufassung der Leitlinien im Spätsommer verabschieden.

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