Katholisches Italien : Affäre Berlusconi: Sex, Lügen, Videos

Berlusconis Liebschaften lästern öffentlich, doch Italiens Ministerpräsident beteuert, er habe eine feste Freundin. Wendet sich jetzt die Katholische Kirche von Berlusconi ab? Im Regierungslager geht die Angst um.

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Zur Beichte? Berlusconi muss den Zorn der Katholischen Kirche fürchten.
Zur Beichte? Berlusconi muss den Zorn der Katholischen Kirche fürchten.Foto: dpa

„Da waren Orgien im Gang! Es war ein einziger Puff!“ Die Telefonprotokolle, die Italiens Zeitungen in diesen Tagen großzügig drucken, werfen ein grelles Licht auf die Feste Silvio Berlusconis in seiner Mailänder Privatvilla. Seit Monaten, seit die Affäre mit der minderjährigen Marokkanerin „Ruby“ aufgeflogen ist, hörten Mailänder Staatsanwälte die Telefonate ab, die Berlusconis Partygäste recht ungeniert untereinander führten. Und nun kann ganz Italien mitlesen.

Nicht nur, dass bei diesen Partys zwei Dutzend mehr oder weniger bekleideter junger Frauen um Berlusconi herumtanzten und sich betatschen ließen, nicht nur, dass der Hausherr nach wechselndem Geschmack – und zur Eifersucht der anderen – immer eine oder zwei „Favoritinnen“ für den Rest der Nacht auswählte. Aus den Telefonaten geht auch hervor, wie freigiebig der Regierungschef war: Goldschmuck, Brillanten, mietfreie Wohnungen, Strom und Wasser kostenlos, für 14 Gespielinnen in Mailand, Briefumschläge voller 500-Euro-Scheine. „Was der mir an Cash gegeben hat!“, erzählt da ein „Model“ ihrer Freundin: „Ein normaler Sterblicher arbeitet sieben Monate für das, was ich bekommen habe.“

„Silvio ruft dauernd an“

Und dann „Rubys“ Telefonate selbst. Acht Mal, so hat die Staatsanwaltschaft mitverfolgt, war die damals 17-Jährige für jeweils eine Nacht bei Berlusconi. Wie heiß die Sache gerade dieser Minderjährigkeit halber war, ist ihr wohl auch erst später aufgegangen. Das war im Herbst 2010, als die Staatsanwälte sie mehrfach zum Verhör zitierten. „Silvio ruft dauernd an“, erzählte Ruby damals einem Freund, „er sagt, stell dich verrückt, streite alles ab, erzähl denen irgendeinen Mist, ich geb dir, was du willst, auch in Gold, nur damit da nichts herauskommt.“

Italien feiert Berlusconis Rücktritt
12.11.2011: Rund um Berlusconis Privatvilla Grazioli versammelt sich die Masse mit Fahnen und feierte den Rücktritt des Ministerpräsidenten.Weitere Bilder anzeigen
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12.11.2011 21:4512.11.2011: Rund um Berlusconis Privatvilla Grazioli versammelt sich die Masse mit Fahnen und feierte den Rücktritt des...

Auch wenn „Ruby“ ihrer Meinung nach „viel erzählt, aber noch viel mehr verschwiegen“ hat, glaubt die Staatsanwaltschaft, genügend sichere Beweise zu haben, um gegen Berlusconi ein Schnellverfahren beantragen zu können. Als „Endverbraucher“ normaler Prostitution, wie sein Anwalt Niccolò Ghedini dies im Vorjahr so schön ausgedrückt hat, ist Berlusconi zwar in Italien nicht zu belangen. Aber die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn, eine Minderjährige benutzt zu haben – was im Verurteilungsfall bis zu drei Jahren Haft nach sich zieht. Und sie wirft ihm Erpressung im Amt vor, weil Berlusconi in einer Mainacht 2010 als Regierungschef beim Mailänder Polizeipräsidium angerufen hat, um die wegen eines Diebstahls festgenommene Ruby freizupressen. Macht bis zu zwölf Jahre Haft.

"Schädlich und schockierend", schreibt die katholische Zeitung

Die Ausweitung des Sexskandals um Berlusconi hat nun im Regierungslager Ängste genährt, die katholische Kirche könne ihm ihre Unterstützung entziehen. Die einflussreiche katholische Tageszeitung „Avvenire“ rief Berlusconi auf, reinen Tisch zu machen. „Allein die Vorstellung, dass die Institutionen an der Spitze des Staates in Prostitutionsgeschichten und, schlimmer noch, in Prostitution einer
Minderjährigen verwickelt sind, ist schädlich und schockierend“, schrieb das Blatt.

Berlusconi selbst hat sich, sichtlich angespannt, per Videobotschaft an die Fernsehnation gewandt. Vor den Bildern seiner Kinder und Enkel sitzend, zündet Berlusconi eine Bombe. Seit der Trennung von seiner Frau Anfang 2009, sagt er, lebe er wieder in einer festen Beziehung. „Und die betreffende Person hätte mit Sicherheit nicht zugelassen, dass bei meinen Abendessen diese absurden Dinge passiert wären, von denen bestimmte Zeitungen schreiben.“ Riesiges Erstaunen im Land. Selbst Berlusconis allerengste Vertraute müssen einräumen, dass sie von einer festen Freundin bisher rein gar nichts wussten, nicht einmal die Existenz, geschweige denn ihren Namen.

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