Politik : KATJA KIPPING

Müssen Linke bessere Menschen sein? Diese Erwartung begegnet Katja Kipping immer mal wieder. „Wir werden eher an unserem Lebensstil gemessen als Konservative“, sagt die 33-Jährige, die seit 2005 die Linke im Bundestag vertritt. Aber es sei ein Irrtum, dass links gleich Moralismus heiße. Es gebe immer auch äußere Umstände, die das Leben beeinflussen. Arme Menschen könnten sich oft nicht leisten, ökologisch zu leben, „im Hartz-IV-Regelsatz ist das nicht drin“, sagt Kipping und zitiert Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Sie selbst ist in ihrer Heimatstadt Dresden Mitglied einer ökologischen Verbrauchergemeinschaft und kauft gerne Bioprodukte: „Schon mit 15 Jahren hatte ich bei meinen Eltern ein Extra-Fach im Kühlschrank für die in der Region erzeugten Produkte.“ Politisch aktiv wurde Kipping, die inzwischen stellvertretende Parteichefin der Linken ist, in ihrer Schulzeit. Damals protestierte sie in der Umweltgruppe Platsch gegen die Zerstörung der Elbwiesen. Kipping besitzt kein Auto. Aktien kauft sie nicht, aber weniger aus moralischen Gründen, sondern weil sie diese Art der Geldanlage „ ziemlich unsicher“ findet. Während der Bundestags-Sitzungswochen wohnt sie in einer Mietwohnung im Berliner Wedding, in Dresden lebt sie seit Jahren in einer großen Wohngemeinschaft mit Freunden und inzwischen einem Baby.

Ein „linker Lebensstil“? Den einen linken Lebensstil gebe es ohnehin nicht, sagt Kipping – „eine der wichtigsten Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts“. Zum Linkssein gehöre aber, dass man bestehende Normen und unterstellte Alternativlosigkeit kritisch hinterfrage. Und dass man bereit sei, sich für Veränderungen einzusetzen – sei es durchs Kaufverhalten, in der Gewerkschaft oder als Teilnehmer einer Anti-Nazi-Demo.

Die traditionelle Definition, wonach Linkssein bedeutet, sich für die Umverteilung von oben nach unten einzusetzen, reicht Kipping nicht aus. „In der Sozialpolitik geht es nicht nur um Umverteilung. Jeder Mensch soll auch an der Gesellschaft teilhaben können“, fordert die Politikerin, die seit 2009 den Ausschuss für Arbeit und Soziales im Bundestag leitet. Ihre Alternative zu Hartz IV ist das bedingungslose Grundeinkommen für jeden Menschen, ein „zutiefst linkes Projekt“, wie sie findet. Kipping argumentiert, ein Grundeinkommen würde dafür sorgen, dass auch andere Lebensbereiche als die Erwerbsarbeit mehr Wertschätzung bekommen: „Für unsere Gesellschaft sind auch politische Einmischung, Sorge für Familie oder Nachbarn und nicht zuletzt Muße wichtig.“

In der Linkspartei hat Kipping eine neue Strömung mitbegründet, die „emanzipatorische Linke“, die nicht nur Sozialismus, sondern auch Freiheit fordert. In der Debatte über das Grundsatzprogramm, das die Linke Ende kommender Woche auf ihrem Parteitag in Erfurt beschließen will, macht die Nachwuchspolitikerin sich auch für eine Umverteilung von Aufgaben zwischen den Geschlechtern stark: mehr prestigeträchtige Jobs in Frauenhand, mehr Sorgearbeit in Männerhand. In einigen Wochen erwartet sie selbst ihr erstes Kind. Und mit ihrem Mann ist vereinbart: Beide kümmern sich zur Hälfte um die Tochter – oder den Sohn. Cordula Eubel

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