Politik : Kaukasus-Konflikt jetzt auch im Internet - russische Hacker schlagen zu

Ulrich Heyden

Der durch den Konflikt in Dagestan wieder aufgeflammte Krieg zwischen Tschetschenen und Russen läuft jetzt auch im Internet. Am Montagmorgen stellten russische Hacker eine Fotomontage mit dem Bild des russischen Schriftstellers Michail Lermontow auf die Website des "Kaukasus-Zentrums", einer Art tschetschenischen Nachrichtenagentur. Der mit einer russischen Uniform bekleidete Schriftsteller hält darauf eine Kalaschnikow vor der Brust und erklärt: "Mischa war hier! Das Kaukasus-Zentrum wurde auf mehrmaligen Wunsch von Russen dichtgemacht. Mit Websites von Terroristen und Mördern wird immer so verfahren!" Lermontow nahm auf der Seite der russischen Armee am ersten großen Kaukasuskrieg im vorigen Jahrhundert teil.

Die Freude russischer Hacker dauerte jedoch nicht lange. Bereits am Montagabend gelang es den Tschetschenen ihre Website wieder in die ursprüngliche Form zu bringen. Zugleich wurde sie gegen weitere "Beiträge" aus dem Moskauer Gebiet blockiert. Das "Kaukasus-Zentrum" wird von dem tschetschenischen Politiker und Journalisten Mowladi Udugow geleitet, der während des Tschetschenien-Krieges so manche Propagandaschlacht für sich gewonnen hatte. Fast täglich gab er damals lange Interviews für den Sender "Echo Moskaus", in denen er die Ziele der tschetschenischen Feldkommandeure erläuterte. Wegen seiner Erfolge im Informationskrieg hat Udugow in Moskau heute viele Feinde. Mit seiner Website versucht der Ideologe der tschetschenischen Opposition nun an alte Erfolge anzuknüpfen. Udugow bringt sowohl eigene Korrespondentenberichte aus den Konfliktzonen im Kaukasus als auch überarbeitete Meldungen der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Seit es wegen drohender Geiselnahme für russische und ausländische Korrespondenten lebensgefährlich geworden ist, nach Tschetschenien zu fahren, und die Außenwelt dadurch immer weniger erfährt, was in Tschetschenien wirklich los ist, wird Udugows Website wieder zur gesuchten Quelle.

Und Udugow ist sich dessen bewusst. Mit seiner Präsenz im Internet will er seinen Plan eines von den "russischen Kolonisatoren" befreiten Nordkaukasus auch den Russen schmackhaft machen. Er träumt von einer Vereinigung Dagestans und Tschetscheniens. Die beiden Länder seien vom zaristischen Russland und Stalin künstlich getrennt worden. Seit den Auseinandersetzungen in Dagestan liefert Udugow praktisch den ideologischen und nachrichtentechnischen Unterbau für die in der Nachbarrepublik kämpfenden islamischen Freischärler. Für den tschetschenischen Präsidenten Maschadow ist Udugow mit seiner Expansionspropaganda aber zum Sicherheitsrisiko geworden. Am Montag entließ Maschadow Udugow aus dem nationalen Sicherheitsrat, weil dieser die "brüderlichen Beziehungen zu Dagestan" gefährde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar