Politik : Kaum etwas ist schwieriger, als in Deutschland Gesetzeshüter zu sein (Kommentar)

Gerhard Mauz

Jeder Beruf scheint heute besser als die Arbeitslosigkeit, als das Unglück, keine Ausbildung zu finden. Trotzdem sollten junge Frauen und Männer darüber nachdenken, auf was sie sich mit einer Bewerbung bei der Polizei einlassen. Denn dieser Arbeitsplatz stellt enorme Ansprüche an sie - gerade in Deutschland.

Die Polizei ist in der deutschen Geschichte immer das Instrument der jeweiligen Staatsmacht gewesen. Ihr Dienstwille und ihre Staatstreue sind zuletzt von 1933 bis 1945 in beispielloser Weise missbraucht worden. "Sie (die Polizei) bleibt nicht aus Bequemlichkeit oder Freude am Alten in den überkommenen Rechtsnormen stecken, sondern sie erfüllt ihre Pflicht in der vom Führer gewollten Weise. Der Führer ist aber nicht auf den Weg der Gesetzesform beschränkt, sondern kann seinen Willen in anderer Weise und auch in sehr allgemeinen Umrissen kundtun. Auch dann ist es Aufgabe der Polizei, ihn zu erfüllen."

Dies schrieb, neben den Führerwillen sogar den Führerwunsch in seinen "sehr allgemeinen Umrissen" stellend, der Staatsrechtler Theodor Maunz. Er ging in die Geschichte der Bundesrepublik als Kommentator des Grundgesetzes, als langjähriger Kultusminister in Bayern ein, der bis zum Ruhestand ordentlicher Professor seines Fachs in München war und nach seinem Tod als Berater und Autor einer rechtsextremen Partei bekannt wurde. Es gab immer herausragende Köpfe, die der Polizei erklärten, wo und wie sie zu stehen hat.

Die Hypothek, die auf der Polizei lastet, liegt auf fast allen Berufen, auch auf Richtern, Ärzten und, nicht zu vergessen, Journalisten. Allerdings ist die Polizei ärger dran. Ihre Rolle im öffentlichen Leben ist vielfältiger. Ihr wird die Hypothek rascher vorgehalten. Dass sie eine tödliche Ordnung herstellte und bewahrte, wird ihr schwerer als anderen vergessen. Darüber, dass damals deutsche Richter die "Reinheit des deutschen Blutes" mit dem Fallbeil verteidigten, ist man leichter hinweggekommen.

Vom Bürger ist eine Vorstellung davon, wie die Polizei sein soll, kaum zu erwarten. Sie hat im persönlichsten Sinne "seine", also die ihm jeweils genehme Polizei zu sein. Die Polizei soll den Rottweiler ermitteln, der eine Rentnerin getötet hat, sie hat Zusammenstöße zwischen der NPD und Gegendemonstranten eines "Bündnisses gegen Rechts" zu verhindern und sie soll herausfinden, wer den Gedenkstein gestohlen hat, der einem zu Tode gehetzten Algerier gewidmet war. Sie soll, sie hat, sie muss und sie darf und sie darf nicht.

Wer sich bei der Polizei bewirbt, muss körperlich fit wie ein Leistungssportler sein. Er hat sich die Qualitäten eines Psychotherapeuten anzueignen und juristische Kenntnisse weit über das Grundgesetz hinaus. Ökologie und Globalisierung müssen ihm mehr sein als Fremdworte, so intensiv wie er es mit ihren Befürwortern und Gegnern zu tun haben wird. Soziologie und Völkerkunde, auch Religionswissenschaft haben ihm Zugang zu Menschen zu verschaffen, die nicht hier geboren wurden. Aber das sind nur einige von den Qualitäten, die mitzubringen beziehungsweise zu erwerben sind.

Vor allem hat sich zu eigen zu machen, wer eine Chance bei der Polizei sucht und bekommt, was die Gewerkschaft der Polizei einmal unübertrefflich formuliert hat: "Die Polizei ist nicht dazu da, die Folgen von Fehlern oder Untätigkeiten von Politikern mit unmittelbarem Zwang zu ersetzen." Wir leben nicht in einem Polizeistaat. Aber wir leben in einem Land, in dem nach wie vor auf die Polizei abgewälzt wird.

Die Polizei muss kein Instrument der jeweiligen Macht sein. Sie kann der Repräsentant der gemeinsamen Interessen, die Mahnung zur Solidarität werden - der Appell an den Respekt gegenüber den Vereinbarungen, die das Zusammenleben regeln sollen und der Verteidiger dieser Regeln.

Wenn junge Frauen und Männer sich erfolgreich bei der Polizei bewerben, gewinnen sie die Chance auf einen Arbeitsplatz, der fast zu viel von ihnen verlangt; der heute wichtiger ist als je zuvor.Aus der Serie "Rechtswege". Gerhard Mauz war langjähriger Gerichtsreporter des "Spiegel", dem er heute noch als Autor verbunden ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar