Politik : Kaziks Kampf

Polen und Israel erinnern am 70. Jahrestag an den Aufstand im Warschauer Ghetto.

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Ein Orden für den Mut. Am Freitag, dem 70. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto, zeichnete Polens Präsident Bronislaw Komorowski (l.) den Überlebenden Symcha Ratajzer-Rotem aus. Er hatte gemeinsam mit anderen Juden gegen die deutschen Besatzer gekämpft - vergeblich. Foto: Janek Karzynski/AFP
Ein Orden für den Mut. Am Freitag, dem 70. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto, zeichnete Polens Präsident Bronislaw...Foto: AFP

Der Davidstern neben dem polnischen Weiß-Rot. So war es auch damals, vor 70 Jahren am Muranow-Platz. Mitglieder des Bundes Jüdischer Soldaten (ZZW) hatten beide Flaggen am ersten Tag des Aufstands im Warschauer Ghetto auf einem Hausdach gehisst. Sie waren den deutschen Besatzern ein besonderer Dorn im Auge – fast schlimmer noch, als die Tatsache, dass die Warschauer Juden im verzweifelten Kampf die Waffen erhoben hatten.

Am Freitag versammelten sich ein paar Hundert jener Polen am Ghettodenkmal, die noch heute diese Erinnerung bewahren wollen. Umfragen haben allerdings gezeigt, dass die große Mehrheit im Land überzeugt ist, der Aufstand gegen die Deutschen sei nur für Juden bedeutsam. Bewunderer der polnischen Heimatarmee (AK) reden ihn zuweilen mit dem Verweis auf die schlechte Bewaffnung und Ausbildung der jüdischen Aufständischen gerne klein.

„Der Ghetto-Aufstand ist ein wichtiger Teil der Geschichte Polens und Warschaus“, hielt Staatspräsident Bronislaw Komorowski dem entgegen. Etwa Tausend geladene Gäste aus aller Welt nahmen an den Gedenkfeierlichkeiten teil, darunter der Präsident des Europa-Parlaments, Martin Schulz. Auch zwei der noch drei Überlebenden des Ghettoaufstands waren aus Israel angereist: die damalige Botin der Aufständischen, Chawka Folman-Raban, und der Ghettokämpfer Symcha Ratajzer-Rotem, genannt Kazik. Warschaus Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz wies in ihrer Rede darauf hin, dass dies wohl das letzte gemeinsame Gedenken mit Überlebenden sein werde.

29 Tage lang lieferten sich im April und Mai 1943 ein paar hundert schlecht bewaffnete und ausgemergelte jüdische Aufständische einen im Grunde aussichtslosen Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht. Dabei kamen etwa 14 000 Ghettobewohner ums Leben; Zehntausende wurden später in die Vernichtungslager deportiert.

„Schließen Sie einmal alle die Augen und stellen Sie sich vor, alle im Holocaust umgebrachten Kinder stünden nun auf diesem Platz“, forderte Israels Kulturminister Shai Piron die Gäste auf. Er betonte die Vielfältigkeit des jüdischen Lebens in Polen vor dem deutschen Überfall. Alleine in Warschau war 1939 jeder dritte Bewohner ein Jude; im ganzen Land lebten 3,5 Millionen Juden.

Dann, nach den Reden und Mahnungen der Politiker, trat jener Mann ans Rednerpult, den Piron zuvor als „unseren Helden Symcha Rotem“ vorgestellt hatte. Kazik, wie der 89-jährige noch heute oft in Polen genannt wird, war zur Jahreswende 1942/3 freiwillig ins Ghetto gegangen, um dort mit der Waffe in der Hand gegen die Besatzer zu kämpfen. Nach zehn Tagen Widerstand organisierte er ab 1. Mai 1943 die Flucht möglichst vieler Aufständischer.

Etwa 150 Menschen habe er retten können, erzählte Symcha Ratajzer-Rotem am Freitag mit fester Stimme auf Polnisch. „Doch bis heute frage ich immer wieder, ob wir das Recht hatten, das Leben der Ghettobewohner durch diesen Aufstand um eine Woche oder auch nur einen Tag zu verkürzen“, gestand er.

Kazik sprach offen über die Einsamkeit der Ghettokämpfer, die mangelnde Hilfe von Seiten der polnischen Heimatarmee auch bei der Evakuierung der Kämpfer. „In diesen Tagen habe ich begriffen, wie alleine wir sind und dass wir uns nur auf uns selbst verlassen können“, sagte der Überlebende

Der Holocaustüberlebende sprach mit bebender Stimme nicht nur von Nazis, die Flugzeuge gegen Ghettokämpfer eingesetzt hätten sondern auch von Polen, die „ohne Zwang, einfach so zum Spaß“ Juden verraten und damit dem sicheren Tod ausgeliefert hätten.

Dann aber las Ratajzer-Rotem Namen von rund einem Dutzend Polen vor, die ihm persönlich damals – trotz des persönlichen Risikos geholfen und Unterschlupf gewährt hatten. „Hierher sollten einmal unsere Kinder und deren Kinder kommen und wiederholen: Nie mehr Krieg – denn das Leben ist heilig!“, sagte Kazik unter tosendem Applaus.

Zuvor war ihm von Staatspräsident Komorowski ein polnischer Verdienstorden überreicht worden. Kazik habe sowohl beim Ghettoaufstand wie auch ein Jahr später im Warschauer Aufstand für die polnische Wiedergeburt gekämpft.

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