Politik : Kehrt die Gewalt zurück?

Bruch des Waffenstillstands: Siedlungen nach dem Tod dreier junger Palästinenser schwer beschossen

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Über 70 Mörser- und Raketengeschosse schlugen bis zum Sonntagmorgen im jüdischen Siedlungsblock Gusch Katif im Gazastreifen ein. So berichten es die Siedler. Die Geschosse richteten nur geringen Sachschaden an, und eine Reaktion der israelischen Armee blieb aus. Mit dem Beschuss hatten Palästinenser auf die Tötung von drei Jugendlichen durch israelische Soldaten am Samstagnachmittag in Rafah an der Grenze zu Ägypten reagiert.

Fünf Jugendliche gerieten – nach palästinensischer Darstellung – während eines Fußballspiels auf die von Israels Armee kontrollierte Philadelphie-Patrouillenstraße am Grenzzaun. Zwei 15-Jährige und ein 14-Jähriger seien von den Soldaten erschossen worden, während es zwei anderen gelang, heil in palästinensisches Gebiet zurückzufliehen, wo sie vorübergehend festgenommen worden seien. Nach israelischen Angaben handelte es sich bei den Jugendlichen um unbewaffnete Schmuggler, die trotz Warnschüssen versucht hätten, auf ägyptisches Gebiet zu kriechen. Deshalb seien die zwei Überlebenden von den palästinensischen Behörden verhaftet worden.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte den blutigsten Zwischenfall seit dem vor zwei Monaten ausgerufenen Waffenstillstand als die „israelische Missachtung“ desselben. Israels Premier Ariel Scharon macht den Palästinensern nach dem Beschuss der Siedlungen jedoch den selben Vorwurf. Er kündigte an, bei seiner USA-Reise mit Präsident George Bush darüber zu sprechen. Beide Seiten befürchten nun eine Eskalation der Gewalt. Israels Verteidigungsminister Shaul Mofaz forderte den palästinensischen Innenminister Nasser Yusef auf, für die Einhaltung des Waffenstillstandes zu sorgen, er selbst werde den Zwischenfall in Rafah untersuchen lassen. Vor diesem Hintergrund sah man in Israel einem als Auslöser für gewaltsame Ausschreitungen befürchteten Massenaufmarsch ultrarechter Juden auf dem Tempelberg mit Bangen entgegen. Doch statt der angekündigten zehntausend Demonstranten versuchten am Sonntagmorgen nur rund 40 nationalistische Fanatiker, auf den Tempelberg zu gelangen – was die rund 3000 dort stationierten Polizisten verhinderten.

In und um die heilige Al-Aksa-Moschee und den Felsendom, die Omar-Moschee, beteten zur Mittagszeit über 10000 Moslems. Und dies, obwohl die israelische Polizei nur über 40-jährige israelische Moslems auf den Tempelberg lassen wollte und den Palästinensern aus dem Westjordanland den Zutritt zum Tempelberg untersagte. In der Nacht auf Sonntag waren aber Tausende meist jugendlicher Palästinenser dorthin gelangt und harrten dort den ganzen Tag über aus. Die israelischen Sicherheitskräfte rätselten vor allem, wie es dem kürzlich aus der Haft entlassenen Chef der Hamas im Westjordanland, Scheich Hassan Yussuf, gelungen war, aus der Al-Aksa-Moschee Live-TV-Interviews zu geben. Er wurde von der Polizei später zum Verhör festgehalten.

Und während die Polizei ihre Kräfte auf den in Ostjerusalem liegenden Tempelberg konzentrierte, blockierten zur morgendlichen Rushhour einige Dutzend Rechtsextreme mit brennenden Autoreifen die Stadtautobahn Ayalon in Tel Aviv für etwa 30 Minuten.

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