Politik : Kein Blick zurück

Warum sich Präsident Sarkozy in Algerien nicht für die Verbrechen der Kolonialherrschaft entschuldigt

Martin Gehlen

Berlin - Öffentliche Reue für Verbrechen Frankreichs während seiner 140-jährigen Kolonialherrschaft ist von ihm nicht zu erwarten sei. Als Nicolas Sarkozy bei seinem Staatsbesuch in Algerien das Thema anschnitt, beschränkte er sich auf eine allgemeine Verurteilung von Kolonialismus als „ungerecht“ und sprach von einem Widerspruch zu den „drei Grundwerten unserer Republik – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“. Kein Wort der Entschuldigung, keine Übernahme historischer Verantwortung für die Verbrechen der französischen Besatzer, wie es sein algerischer Gegenüber, Präsident Abdelaziz Bouteflika, seit langem fordert. Algeriens Innenminister Yazid Zerhouni kommentierte dann auch trocken, Sarkozys Worte seien zwar ein gewisser Fortschritt, aber nicht ausreichend, solange „wir diese Sätze nicht in ihren Kontext stellen“.

Und mit Kontext ist aus algerischer Sicht die konkrete historische Verantwortung Frankreichs für seine Untaten in Algerien gemeint. Während Tunesien und Marokko zu französischen Protektoraten erklärt wurden, ging Paris nach 1830 in Algerien ungleich brutaler vor. In einem jahrzehntelangen Besatzungskrieg wurde das Land Zug um Zug unterworfen. Im Westen Algeriens dauerte der Widerstand 18 Jahre, im Osten noch länger. Die Zahl der damaligen Opfer wird auf bis zu einer Million Menschen geschätzt, jeder dritte Algerier verlor sein Leben, sei es durch Gewaltakte und Massaker, sei es durch Hunger oder Seuchen.

Bald strömten dann Siedler aus Frankreich, Italien und Spanien nach Algerien, wo sie große Ländereien erhielten, die die Kolonialverwaltung enteignet hatte. Am Ende gehörten ihnen von den sieben Millionen Hektar kultivierbaren Bodens fast drei Millionen – und stets die Flächen der besten Qualität. Die von ihrer Scholle vertriebenen algerischen Kleinbauern dagegen verloren ihre Existenz, verdingten sich als Tagelöhner oder vegetierten in den Slums an den Rändern der Städte. 1950 besuchten nur acht Prozent aller algerischen Kinder eine Schule. Acht Jahre dauerte schließlich der Unabhängigkeitskrieg, bei dem mindestens eine halbe Million Menschen starb.

Folter, Massaker und Vertreibungen hinterließen in Algerien wie in Frankreich tiefe Narben. Eine Million französischer Siedler, die sogenannten Pieds Noirs, mussten nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 Hals über Kopf das Land verlassen. Viele trauern bis heute ihrer Zeit in der Kolonie nach. 250 000 sogenannte Harkis, algerische Familien, die sich während des Krieges auf die französische Seite geschlagen hatten, mussten nach Frankreich ins Exil fliehen – und gelten bis heute in ihrer Heimat als Verräter.

Schon Sarkozys Vorgänger Jacques Chirac, der als junger Mann in Algerien Kolonialdienst absolviert und zu dem Land eine innere Beziehung hatte, brachte eine historische Entschuldigung nicht über die Lippen. Der von ihm angestrebte „Freundschaftsvertrag“, konzipiert nach dem Vorbild des deutsch-französischen Elysee-Vertrags von 1963, brachte es aus diesem Grund nie zur Unterschriftsreife. Für Nachfolger Nicolas Sarkozy dagegen ist der Blick zurück kein inneres Anliegen mehr. Sein jetzt in Algier unterzeichneter „Partnerschaftsvertrag“ regelt die künftige nukleare Zusammenarbeit.

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