Politik : Kein großer Name für die Burg

Drei Wochen vor der Wahl ist kein Nachfolger für Vaclav Havel in Sicht

Paul Kreiner[Wien]

Es hätte alles so einfach sein können. Marie Jana Körbelova hätte nur Ja sagen müssen zu Vaclav Havels Angebot, seine Nachfolgerin zu werden. An dieser Frau wäre in Tschechien niemand vorbeigekommen. Die Präsidentschaftswahl am 15. Januar 2003 wäre ohne Streit abgelaufen; das Land hätte auch nach Havel wieder ein Staatsoberhaupt von internationalem Ansehen gehabt. Doch die Auserkorene lehnte ab. Offenbar ist Marie Jana Körbelova, besser bekannt unter ihrem amerikanischen Namen Madeleine Albright, ihr Heimatland als Wirkungsstätte zu klein.

Havel, der nach 13 Jahren Amtszeit nicht wieder antreten darf, hat noch einen anderen zum Nachfolger vorgeschlagen, einen, der seinem Ideal vom philosophierenden, ethisch wegweisenden Staatslenker nahe kommt: den Universitätsprofessor Tomas Halik. Aber der Name ging bald wieder unter. Ein katholischer Priester an der Spitze einer wenig religiösen Gesellschaft? Und, so fragten sich die von Havels Einsprüchen geplagten Parteien: Schon wieder ein Moralisierer auf der Prager Burg?

Vornehmlich Vaclav Klaus und Milos Zeman versuchen, ihre Karriere als Ministerpräsidenten und Parteichefs mit dem Amt des Staatsoberhaupts zu krönen. Klaus ist nach elf Jahren von der Spitze der rechtsliberalen Demokratischen Bürgerpartei zurückgetreten, um Zeit für seinen privaten Wahlkampf zu haben. Zeman, früher Chef der Sozialdemokraten und Premierminister, hat mit der Parlamentswahl im Juni seine Posten abgegeben, angeblich aus Politikmüdigkeit. Jetzt zieht er die Fäden für sein Comeback.

Entscheidet am Ende das Volk?

Für die Wahl hat sich Zeman etwas Raffiniertes einfallen lassen: Er will erst in der zweiten Runde antreten, sobald der von seinem Nachfolger Vladimir Spidla aufgestellte offizielle sozialdemokratische Parteikandidat durchgefallen ist. Sein Kalkül könnte aufgehen. Denn der frühere parteilose Justizminister Jaroslav Bures, den die Sozialdemokraten benannt haben, hat nicht einmal den Rückhalt der Regierungskoalition. Die beiden Bündnispartner gehen mit dem Senatspräsidenten Petr Pithart ins Rennen.

Gewählt wird das tschechische Staatsoberhaupt wie in Deutschland gemeinsam von beiden Parlamentskammern. Da es keine parteiübergreifenden Wahlbündnisse gibt, wird nach Ansicht aller Politologen mindestens der erste, wenn nicht auch der zweite Wahlgang fehlschlagen. Danach könnte, gemäß einer Idee, die in Tschechien schon lange kursiert, das Volk zur Direktwahl aufgerufen werden. Mit den notwendigen Gesetzesänderungen wäre das Land bis zu acht Monate ohne Präsident. Regierungschef Spidla allerdings müsste in diesem Fall wohl keine Gegenregierung seines übermächtigen Vorgängers mehr fürchten: Zeman hat beim Volk keine guten Karten. Klaus steht besser da. Aber ob es dann überhaupt bei den alten Kandidaten bleibt? Sicher ist nur: Auch in acht oder neun Monaten wird Tschechien keinen gefunden haben, der Havel in Autorität und Integrität das Wasser reichen könnte.

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