Politik : Kein Jubel, eher Anerkennung

Angela Merkel beginnt ihre Wahlkampftour – und verspricht eine Art zweites Wirtschaftswunder

Robert Birnbaum[Essen],Moritz Döbler[Ber]

Brutto kommt nicht mehr vor, netto auch nicht. Das heißt jetzt einfach und verwechslungssicher: „… dass die Arbeitnehmer mehr auf der Tasche haben“. Überhaupt hat die Kandidatin sprachlich abgerüstet zugunsten der Allgemeinverständlichkeit. Ist auch besser, weil, die vielleicht 2000 Leute in Essen gucken anfangs auch so schon bisschen skeptisch. Das liegt am lakonischen Menschenschlag hier im Ruhrgebiet. Aber bestimmt auch daran, dass Angela Merkel dem Publikum ihres ersten großen Wahlkampfauftritts immer noch recht schwere Kost zumutet. Einen Vortrag nämlich darüber, wie die Kanzlerin Merkel „die soziale Marktwirtschaft wieder auf Vordermann“ zu bringen gedenkt.

Das „Team Zukunft“ neben der Bühne – drei Dutzend überwiegend übergewichtige junge Menschen in orangen T-Shirts – hat infolgedessen längere Zeit keine Gelegenheit, „Angie“ zu rufen. Und das „Team Zukunft“ vor der Bühne – vier Dutzend Senioren mit orangen Ansteckern – braucht eine ganze Weile, bis der erste Beifall bröckelt. Vielleicht wäre gar keine Stimmung aufgekommen auf dem Kennedyplatz, hätte nicht beim Stichwort „Studiengebühren“ einer aus einer hinteren Reihe „Pfui“ gebrüllt. Merkel stemmt plötzlich die Arme auf das Pult: „Immer schreit gleich einer Pfui!“ Aber ob das denn etwa gerecht sei, wenn welche zwölf, 13 Semester studieren, und die Kassiererin an der Supermarktkasse muss das mit ihren Steuern bezahlen? Die Leute lachen und klatschen.

Sie klatschen später sogar, wenn auch weniger stürmisch, bei den schwierig zu schluckenden Sachen: Bündnisse für Arbeit, Abschaffung der Steuerfreiheit für Nacht- und Feiertagszuschläge, höhere Mehrwertsteuer. Nicht schön, aber ohne Alternative, sagt Merkel: Es gehe bei dieser Wahl nicht um Gesichter, sondern um die Alternative zwischen einer Art zweitem Wirtschaftswunder oder „alles so lassen wie es ist und zugucken, wie es immer schlechter wird".

Die Leute gucken immer noch etwas skeptisch. Aber sie applaudieren. Kein Jubel, eher so etwas wie Anerkennung. Merkel atmet tief durch. Dann bindet sie die Armbanduhr wieder um und lächelt zum ersten Mal.

Die Generalprobe für die Eröffnung der Wahlkampftour in Essen hat am Dienstagabend stattgefunden, im Berliner Ludwig-Erhard-Haus vor der Industrie- und Handelskammer. Die Kanzlerkandidatin kündigt da einen kämpferischen Wahlkampf an, beschränkt sich aber dann im Kreis der 1200 Wirtschaftsexperten doch darauf, die Eckpunkte des Regierungsprogramms der Union für den Fall eines Wahlsiegs am 18. September auf vorwiegend sachliche Art zu erläutern – in einer Rede, die schon zu hören war und nun im Wahlkampf wohl noch öfter zu hören sein wird. Sie verteidigt das, was ihr vom politischen Gegner gelegentlich als Kaltherzigkeit vorgeworfen wird, was Merkel dagegen Offenheit nennt: den Kündigungsschutz zu lockern, die Entscheidungen für längere Arbeitszeiten zunehmend den Unternehmen zu überlassen – und: die Mehrwertsteuer um zwei Punkte auf 18 Prozent zu erhöhen. Dieser Schritt sei nötig, um die Arbeitslosenversicherungsbeiträge von 6,5 Prozent auf 4,5 Prozent senken zu können, betont Merkel. „Vorfahrt für Arbeit heißt auch Senkung der Kosten für Arbeit.“ Man müsse diesen Weg gehen, um beispielsweise auch die Renten in Zukunft absichern zu können. Angesichts einer Deckungslücke im Haushalt von 40 Milliarden Euro gebe es keine Alternative zu diesem Schritt – und der müsse auch von den Rentnern in Kauf genommen werden. Wenn weiterhin täglich mehr als 1000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse verloren gingen, würden auch die Renten derart in Gefahr geraten, dass den Rentnern eines Tages niemand mehr helfen könne.

Bei der Bildung spricht sich die CDU-Chefin für Studiengebühren aus. Auch bei Zeugnissen in frühen Klassen gelte es, „etwas stärker ranzugehen als zu weichherzig zu sein“. Im Umgang mit Parteifreunden rüstet Merkel ab. Ausdrücklich hat sie schon zu Beginn den „lieben Jörg Schönbohm“ unter den Zuhörern begrüßt, jenen CDU-Landesminister, der wegen seiner Äußerungen zu Gewaltursachen in Ostdeutschland so viel öffentliche Schelte bezogen hat. Fünf Tage zuvor auch von Merkel selbst.

Kaum jemand will der Kandidatin an diesem Dienstagabend verübeln, dass sie wiederum nicht ganz frei von Versprechern ist: Als sie „5000 Euro Studiengebühren pro Semester“ rasch korrigiert in 500 Euro, und als sie bei der Haushaltslage des Bundes auf die Länder abhebt, bei denen sich die Verschuldung „reziprok“ zu der des Bundes darstelle – wobei sie wohl „analog“ gemeint hat. Sie erhält den Beifall, der den Erwartungen der Wirtschaft an eine künftige Bundeskanzlerin entspricht – er ist kräftig.

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