Politik : Kein Patent auf Gen-Konfetti (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Im Zeitalter der New Economy ist Geld eine virtuelle Größe geworden. Kleine Internet-Unternehmen bringen es fertig, mit ein paar tausend Mitarbeitern und mäßigem Umsatz rote Zahlen in Milliardenhöhe zu schreiben - und sind dennoch am Aktienmarkt so viel wert wie große Industriebetriebe.

Dass solch eingebildeter Reichtum auch leicht wieder zu vernichten ist, haben Bill Clinton und Tony Blair am Dienstag bewiesen: Ihre scheinbar harmlose Ankündigung, auf die menschliche Erbinformation als solche keine Patente zu erteilen, sondern sie allen Wissenschaftlern zugänglich zu machen, bescherte der Biotech-Industrie den schwersten Kurseinbruch ihrer Geschichte. Nach dem Abheben der Biotech-Werte um 80 Prozent seit Jahresbeginn hatte der Nasdaq Biotech-Index im März ein Allzeithoch erreicht. Da machte die transatlantische Erklärung zur Freiheit der Gene die Aktionäre binnen Stunden um 12,6 Prozent ärmer.

Insgesamt wurde im März 2000 fast ein Drittel des Börsenwertes der Biotechnologie-Unternehmen vernichtet. Viele der angeschlagenen Investoren brüten jetzt darüber nach, wie das virtuelle Geld der New Economy ganz schnell in die aus der Old Economy bekannten, klingenden Münzen und knisternden Scheine verwandelt werden kann. Ähnlich wie beim Internet-Boom lebt die Biotechnologie von der Phantasie ihrer Investoren. Unternehmen ohne marktreifes Produkt, in denen eine Handvoll Wissenschaftler an einem Gen forscht, werden nicht selten in dreistelliger Millionenhöhe bewertet. Wenn diese Firma dann eines Tages ein Mittel gegen Krebs oder Aids entwickelt, so die Hoffnung, wird sie ihre Aktionäre zu reichen Visionären machen.

Doch die Unterscheidung zwischen erfolgversprechenden Technologien und nutzloser Tüftelei ist in keinem Bereich so schwierig wie in der Biotechnologie. Deshalb ist es auch in keiner Branche leichter, die Analysten mit voreiligen Erfolgsmeldungen aus dem Labor zu beeindrucken - oder mit vagen politischen Aussagen zu verschrecken. Das ist Clinton und Blair mit ihrem Vorstoß vortrefflich gelungen, da sie - wohl ohne es zu wissen - genau die Achillesferse der Biotech-Industrie getroffen haben. Im strengen Sinne des Patentrechtes darf eine Erfindung nämlich erst dann geschützt werden, wenn für sie auch eine konkrete Anwendung aufgezeigt werden kann. Die Entschlüsselung des Genoms, das heißt der bloßen Erbinformation, fördert jedoch nichts als einen Buchstabensalat zutage, der ohne weitere Forschung so nützlich ist wie ein zu Konfetti verarbeitetes Telefonbuch.

Auf Druck der Biotech-Industrie ist die US-amerikanische Patentbehörde in letzter Zeit jedoch dazu übergegangen, auch für einzelne Stücke der Erbinformation ohne konkrete Anwendung Patente zu erteilen. Seitdem versuchen auf die Gen-Jagd spezialisierte Firmen wie Celera, Incyte und Human Genome Sciences (HGS), im Wettlauf mit dem staatlich finanzierten "Humanen Genomprojekt" möglichst viele Stücke der menschlichen Erbinformation patentieren zu lassen. Dass das europäische Patentamt so etwas weiterhin als nicht patentierbare "Entdeckung" ansieht, schert selbst hierzulande die Biotech-Firmen wenig - sie melden ihre Gensequenzen kurzerhand direkt in den USA als Erfindungen an.

Das Weiße Haus versucht nun richtig zu stellen, dass am amerikanischen Patentrecht nichts geändert werden soll und alles nur ein Missverständnis war. In Wahrheit ist der Streit zwischen den Genschnipsel-Sammlern und jenen, die in jahrelanger Forschung die Wertschöpfung vom Gen zum Medikament schaffen, jedoch längst programmiert. Beispielsweise haben Arbeitsgruppen herausgefunden, dass das Gen "CCR5" für das Eindringen des Aids-Virus in die Zelle von zentraler Bedeutung ist. Das Patent aber erhielt die Biotech-Firma HGS, da sie die Sequenz zuerst angemeldet hatte - ohne zu ahnen, wofür das Gen nützlich sein könnte.

Lebte James Watt heute, müsste er damit rechnen, dass ihm sein berühmtes Patent durch einen Hersteller von Dampfkochtöpfen streitig gemacht wird.Der Autor ist Direktor des Institutes für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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