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Kein Schuldspruch : Der absurde Fall der türkischen Autorin Selek

Rechtsgerichtete türkische Medien interpretierten eine Wiedereröffnung des Verfahrens gegen die Autorin Pinar Selek fälschlicherweise als Schuldspruch - doch dem ist nicht so.

Jakob Wais

 1998 starben bei einer Explosion auf dem historischen Gewürzmarkt in Istanbul sieben Menschen. Drei voneinander unabhängige Gutachten der Polizei kamen zwar zu dem Ergebnis, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe, dennoch hielt sich die Version, dass die kurdische Untergrundorganisation PKK eine Bombe gezündet hätte. Wegen des vermeintlichen Anschlags wurde damals die Schriftstellerin Pinar Selek verhaftet. Sie arbeitete gerade an einer Studie über die kurdische Minderheit und stand daher in Verbindung mit der PKK. Die Behörden warfen ihr eine Beteiligung an dem angeblichen Terroranschlag vor und versuchten im Verhör, die Namen ihrer Kontaktpersonen bei der PKK zu erpressen – auch durch Folter, wie Selek sagt.

In zwei anschließenden Verfahren wurde Pinar Selek freigesprochen. Der einzige Belastungszeuge gab später zu, unter Folter ausgesagt zu haben. Dennoch hat nun ein Berufungsgericht in Ankara entschieden, dass einer Wiedereröffnung des Verfahrens gegen die 39-Jährige nichts im Wege stehe. Rechtsgerichtete türkische Medien interpretierten das fälschlicherweise als Schuldspruch und vermeldeten, dass Selek zu lebenslanger Haft verurteilt worden sei. Diese Version wurde von der Deutschen Presseagentur (dpa) übernommen und stand so auch im Tagesspiegel. Das erneute Verfahren soll am 9. Februar in Istanbul stattfinden. Allerdings ohne Beteiligung Seleks, die zurzeit als PEN-Stipendiatin in Berlin lebt und momentan nicht beabsichtigt, in die Türkei zurückzukehren.

Sie hält die Entscheidung des Gerichts für „klar politisch motiviert“ und kündigte an, das Urteil vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag anzufechten. Es sei eine Warnung an alle, die sich mit den Problemen der türkischen Gesellschaft befassen, sagte die Soziologin dem Tagesspiegel. „An mir wird ein Exempel statuiert, aber die Intellektuellen in der Türkei stehen hinter mir.“ Mittlerweile fühle sie sich wie der Protagonist in Kafkas „Prozess“. So sei sie nie zum Tathergang befragt worden und man habe ihr im Gefängnis gesagt: „Das war dein persönlicher Reichstagsbrand.“

Seleks jüngstes Buch „Zum Mann gehätschelt. Zum Mann gedrillt: Männliche Identitäten“ ist im April im Orlando Verlag erschienen. Darin befasst sie sich mit den archaischen Machtstrukturen im türkischen Militär. Unter den Befragten befanden sich auch Armenier und Kurden. Wegen des Buchs habe sie mehrfach Drohanrufe erhalten, aber sie wolle sich nicht einschüchtern lassen: „Am Ende siegt die Gerechtigkeit.“

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