Politik : Keine Angst vor der neuen Welt (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Berlin im Gipfelfieber: 15 Staats- und Regierungschefs aus fünf Kontinenten hat Kanzler Schröder eingeladen, um über "Modernes Regieren im 21. Jahrhundert" zu sinnieren. Und selbst wenn nach Tony Blair, der sich mit modernen Vaterpflichten entschuldigt, noch ein Gast absagt - etwa Israels Premier Barak wegen der Bedrohungen des Nahost-Friedens im 21. Jahrhundert -, wird die Stadt sich in einem neuen Gefühl ihrer Bedeutung sonnen. Sie ist nicht mehr Objekt weltweiter Sorgen, erst als Synonym deutschen Hegemoniestrebens, dann als Brennpunkt des Ost-West-Konflikts. Und auch die Ära, in der Berlin von der Euphorie über den Sturz der kommunistischen Diktaturen zehren konnte, neigt sich dem Ende zu.

Immer spürbarer werden dagegen die Erwartungen an Deutschland. Was das neue Jahrhundert bringt und wie sich die Weltordnung verändert, das hängt in hohem Maße vom wirtschaftlich und politisch gewichtigsten EU-Staat ab. Wächst Europa zusammen und setzt sich wieder an die Spitze der technischen Entwicklung, so dass es zu einem gleichgewichtigen Partner der USA werden kann, ja zu einem Korrektiv? Oder setzt Amerika den Aufstieg im 20. Jahrhundert zur einzigen Weltmacht uneinholbar fort?

Erwartungen an Deutschland - darauf reagieren viele Bürger nicht mit Stolz, es macht ihnen eher Angst als Mut. Verantwortung übernehmen übersetzen viele mit: Geld ausgeben. Und als Bedrohung des Wohlstands, nicht als Voraussetzung für Einfluss und wirtschaftlichen Erfolg, die Grundlage des deutschen Wohlstandes. "Modernes" Regieren weckt die Furcht, den Marktkräften ausgeliefert zu werden - ohne Fürsorge-Funktion des Staates. Um 1900 war die Stimmung ganz anders: Europa war der Mittelpunkt der Welt, und in Deutschland herrschte ein arrogantes "Uns kann keiner". Das 20. Jahrhundert schien automatisch ein deutsches zu werden. Hier wurden die entscheidenden Erfindungen gemacht, hier brummte die Wirtschaft, hier war der Ehrgeiz, Weltspitze zu sein, am brennendsten. Auf den Aufstieg der USA zur Nummer Eins hätte damals kaum einer getippt. Doch der Griff nach der Weltmacht wurde Deutschland - und Europa - in zwei Weltkriegen zum Verhängnis. Da könnte man die neue Selbstbescheidung, sich vornehmlich um das eigene Wohlergehen zu sorgen, geradezu sympathisch finden.

Doch der heute weit verbreitete Kleinmut ist auch kein Erfolgsrezept. Europas Nationen beteuern zwar, dass sie zu neuer-alter Größe finden wollen, aber sobald es konkret wird, trauen sie sich nicht so recht. Wenn Präsident Clinton am Freitag in Aachen über seinen Wunsch nach einem starken Europa sprechen und, zum Beispiel, Joschka Fischers Vorschlag, die EU in eine Föderation mit gemeinsamer Regierung und gemeinsamem Parlament zu verwandeln, begrüßen wird, dann dürfte sich das deshalb ungefähr so anhören, wie wenn ein erfolgreicher Onkel einem talentierten Kind aufmunternd auf die Schulter klopft: Aus Dir kann noch etwas werden.

Es wird durch Wiederholung nicht falsch: Schuld an der US-Dominanz ist nicht zu viel Amerika, sondern zu wenig Europa. Das 21. Jahrhundert muss kein rein amerikanisches bleiben - wenn auch Europa modern regiert wird. Einige Grundlagen dafür wurden in den jüngsten Jahren gelegt, Tony Blairs "New Labour" hat sich durchgesetzt, sodass es nichts schadet, wenn er in Berlin fehlt: Das Verhältnis von Eigenverantwortung und Sozialstaat wird neu austariert, die Steuersysteme werden reformiert, überall bauen die Regierungen dank des ökonomischen Aufschwung und unerwartet hoher Nebeneinnahmen aus neuen High-Tech-Lizenzen die staatlichen Schulden ab und gewinnen so Handlungsspielraum für die Zukunft. Der EU-Binnenmarkt funktioniert, der Euro mag zwar vorübergehend schwächeln, wird sich aber behaupten. Wenn Europas Nationen nun auch noch auf strategischen Gebieten wie Forschung und Militär ihre Ressourcen bündeln, statt national zu konkurrieren, und außenpolitisch mit einer Stimme sprechen, könnte das 21. am Ende zu einem europäischen Jahrhundert werden. Da sollte Deutschland, zumal nach Fischers Rede, eine Führungsrolle übernehmen - nicht, indem es anderen den Weg vorschreibt, sondern indem es Mut macht, ihn zu gehen.

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