Politik : Keine Fragen bitte!

Am Tag zwei nach dem Debakel stellt die CSU-Spitze die Weichen für einen Neuanfang – bleibt öffentlich aber wortkarg

Robert Birnbaum

Es ist dann doch sehr schnell gegangen, relativ gesehen. Am Montagnachmittag hat Erwin Huber noch einen Plan vorgestellt, der seinen Rücktritt noch um vier Wochen hinausgeschoben hätte. Sehr spät in der Nacht aber, nach einer langen Debatte im engsten Kreis der CSU-Führung, war klar: Der Parteivorsitzende muss gehen, und zwar schnell, also jetzt. Denn während drinnen der Krisengipfel beriet, verteilten draußen schon die Zeitungsverkäufer die Dienstagausgaben. „Die Sitzenbleiber“ prangte breit als Schlagzeile eines Boulevardblatts über den Fotos von Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein.

Ein Image, das Huber auf keinen Fall wollte. Überdies musste er befürchten, aus dem Amt gejagt zu werden, wenn er noch länger gezögert hätte. Ohnehin versichern Leute, die es wissen müssen, dass der unglückselige CSU-Chef zum Rückzug entschlossen war. Er habe nur deshalb nicht sofort hingeworfen, weil ein Domino-Effekt drohte. „Wenn der Tsunami noch am Wahlabend den ersten Mann wegfegt, weiß man nie, wo das endet“, sagt ein führender Christsozialer.

Am Dienstagfrüh tritt Huber vor die Kameras. Er verliest eine kurze Erklärung, keine Fragen bitte – ein Muster übrigens, das man sich für den Rest dieses christsozialen Tages merken kann. Er werde beim Sonderparteitag am 25. Oktober sein Amt zur Verfügung stellen. „Ich gebe damit meiner Partei die Chance für einen personellen Neuanfang an der Spitze.“ Huber lächelt. Es sieht etwas schief aus, aber auch erleichtert. Huber ist kein hochmütiger Mensch. Er muss in den letzten Monaten zunehmend gespürt haben, dass die Aufgabe zu groß war, für ihn, vielleicht für jeden.

Huber hat es hinter sich. Der es jetzt vor sich hat, tut an diesem Dienstag erst mal das, was er seit Tagen sehr beredt tut: schweigen. Als sich die CSU-Landesgruppe in Berlin zur Sondersitzung im Reichstag trifft, bleibt es Wirtschaftsminister Michael Glos vorbehalten auszusprechen, was ohnehin jedem klar ist: Der nächste CSU-Chef heißt Horst Seehofer. In der Sitzung meldet er seine Kandidatur an und sein Programm: Bis Herbst 2009 zur Bundestagswahl müsse die CSU den „Re-Break“ schaffen. Das ist Tennisdeutsch und heißt: Wir müssen den verlorenen Aufschlag zurückholen. Landesgruppenchef Peter Ramsauer wird wenig später vor der Presse den Bundestagswahlkampf quasi für eröffnet erklären. Die Landesgruppe wolle, sagt Ramsauer außerdem, dass Seehofer der Spitzenkandidat für die Wahl 2009 werden solle.

Dann ist Seehofer an der Reihe. Eine sehr, sehr große Aufgabe sei das, für die er jetzt kandidiere. „Es geht schlicht und einfach darum, die Christlich-Soziale Union in ihrem Mythos, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Erfolgsgeschichte der letzten fast fünf Jahrzehnte zu stabilisieren.“ Und dass er bis zu seiner Wahl erst mal nicht mehr so viel sagen werde, außer dass die CSU unter seiner Verantwortung ihre Wirtschaftskompetenz, ihre soziale Verantwortung, das „Potenzial der Nationalkonservativen“ sowie – „als frische und moderne Partei“ – alle Fragen der Ökologie und des Verbraucherschutzes pflegen werde. Seehofer lächelt noch einmal für die Kameras, dann „keine Fragen bitte“.

Allerdings haben Ramsauer und Seehofer für ihre Einsilbigkeit einen sehr speziellen Grund. In der Landesgruppe ist es längst nicht mehr um Seehofer, den künftigen Parteichef, gegangen. In der Sitzung ging es auch um Seehofer, den Ministerpräsidenten. Ein knappes Dutzend vor allem der jungen CSU-Abgeordneten hat sich zu Wort gemeldet. Sie hatten alle die gleiche Botschaft, die der Abgeordnete Alexander Dobrindt so zusammenfasste: „Es muss wieder eine Machtzentrale geben.“ Die Zweiteilung der Ämter sei falsch, Seehofer müsse beide übernehmen. Der „Turnaround“, sagt Dobrindt noch, sei nur ein einziges Mal möglich, im nächsten Jahr. Wenn die CSU bei der Europa- und der Bundestagswahl nicht wieder ihre alte Stärke habe, dann drohe „der finale Rettungsschuss“.

Das ist zwar als Bild etwas sonderbar, aber jedenfalls der Dramatik angemessen. Die Jungen, sagt später ein Älterer, machten sich natürlich Sorge um ihre Zukunft. Widersprochen hat ihnen allerdings dabei keiner. Für Günther Beckstein als Ministerpräsident plädiert hat erst recht keiner. Und von Seehofer selbst ist auch nicht überliefert, dass sein Gesicht bei all den Rufen, die ihm galten, Missbilligung ausgedrückt hätte.

Ob es zum „Doppel-Horst“ kommt, ist aber nicht ausgemacht. Die Landesgruppe könne ein „starkes Signal“ senden, sagt ein einflussreicher Abgeordneter; entscheiden könne sie nicht. Zumindest vorentscheiden könnte die Landtagsfraktion in München. Am Mittwoch trifft sie sich zum ersten Mal nach dem Debakel. Dabei sein werden auch die 32 Christsozialen, die im neuen Landtag nicht mehr dabei sind. Für Beckstein wird das also kein Vergnügen.

Die Fraktion gilt andererseits nicht als Versammlung von Seehofer-Fans. In der Berliner Sitzung ist zwar auch erneut der Ruf laut geworden ist, den Landtagsabgeordneten ihr Vorrecht auf die Nominierung des Ministerpräsidenten zu nehmen und dem Parteitag zu geben. Aber das dürfte in München eher Abwehrreize stärken. Die Fraktion ist gebeutelt, entmachtet ist sie noch nicht.

Am frühen Nachmittag tritt Beckstein vor Kameras in München. „Ich bin überrascht, dass für eine relativ geringe Erklärung eine solch große Öffentlichkeit ist“, flachst er. Er sieht auch sonst entspannt aus, mit Grund. Die gleiche Nachtrunde, die Huber stürzte, hat von seinem eigenen Sturz ausdrücklich abgesehen. Beckstein dankt Huber für „tiefe freundschaftliche Zusammenarbeit“ durch „Höhen und Tiefen“. Dann – keine Fragen, bitte. Dafür sind zu viele noch offen.

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