Politik : Keine Hosen für die Frau

Sabine Heimgärtner

Natürlich haben wir immer geahnt, dass Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac ein "Macho" ist. Seine Frau, Bernadette Chirac, mit der er seit 45 Jahren verheiratet ist und die ihn immer noch siezt, bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen in ihrem Bekenntnisbuch, "Konversation", und landet damit einen vollen Erfolg: Die Frau an "seiner Seite" ist ein "Wunder", urteilen die Medien. Ihr Buch ist ein Bestseller. Innerhalb von zwei Monaten gingen 300 000 Exemplare über den Ladentisch. Dem "Macho" kann das recht sein, denn die 68-Jährige attraktive Blondine an seiner Seite könnte sich als der Trumpf in seiner Kampagne für die Präsidentschaftswahlen erweisen.

Schon lange bevor Chirac jetzt eher kleinlaut erklärte, er werde zum zweiten Mal für das Präsidentenamt kandidieren, trat seine Gattin beinahe feldzugartig in der Provinz auf und überzeugte mit ihrer Natürlichkeit. 70 Prozent der Franzosen bestätigen in Umfragen das "positive Bild" der Präsidenten-Ehefrau. Bei der Wahl Ende April müssen sich die sozialistischen Gegner also auf zwei Chiracs einstellen: Jacques und Bernadette.

Überzeugt sind von ihr vor allem die älteren Wähler, weil die Tochter aus einer Landadels-Familie die traditionellen Werte Frankreichs repräsentiert: Streng katholisch erzogen hat sich Bernadette zu einer Frau entwickelt, die Abtreibung ablehnt, den Papst verehrt, den Wert der Familie hochhält und "weniger für ein Gesamteuropa eintritt als mein Mann".

Ihre konservative Auffassung - keine Hosen für die Frau! - hielt die couragierte Dame im Elysee-Palast dennoch nicht davon ab, sich seit Jahrzehnten unabhängig von ihrem Mann politisch zu engagieren. Seit mehr als 20 Jahren ist sie als Regionalpolitikerin in Chiracs Heimat Correze im Südwesten Frankreichs tätig. Beinahe "heimlich" unternimmt sie Reisen in französische Krisengebiete, beispielsweise im Frühjahr 2001 in das Überschwemmungsgebiet Somme, im Norden Frankreichs. Seit dem Mauerfall organisiert sie Kontakte zwischen Jugendlichen in Osteuropa und Frankreich. Ihr Hauptengagement konzentriert sich auf kranke Kinder. Eine von ihr gegründete Stiftung sammelte in den vergangenen zwölf Jahren fast 60 Millionen Euro.

Soweit ist die Präsidenten-Frau Bernadette vielleicht noch eine wie viele andere. In ihrem gemeinsam mit dem "Le Figaro"-Journalisten Patrick de Carolis erstellten Buch allerdings entpuppt sich Frau Chirac außerdem als äußerst talentierte, humorvolle Erzählerin. Ihr Mann: der "Bulldozer, der Felsen, der Krieger". Er habe lange gebraucht, die emanzipierte Rolle seiner Frau zu akzeptieren. Ihr Mann: Der Frühaufsteher. "Meine Meinung und politisch relevante Ratschläge erteile ich ihm morgens im Badezimmer, zwischen zwei laut eingestellten Radioapparaten". Ihr Mann: Der Ausgeh-Muffel, der sich abends gerne vor dem Fernsehapparat niederlässt, "Bichette, mein Rehlein, schau, das ist John Wayne". Sie: "Und ich weiß, dass ich diesen Western ab jetzt vierzig Mal sehen muss, genauso wie im Fernsehen übertragene Tennisspiele - er liebt das, ein echter Sportler im bequemem Sessel."

Nachts stiehlt sich die Präsidentengattin immer mal wieder aus dem ehelichen Schlafgemach und wandert durch die riesigen Gemächer des Palastes. Warum? "Ich schleiche mich in die Bibliothek und nehme mir die Bücher, von denen er mir tagsüber erzählt hat, die er mir aber nicht geben will." Bei ihren nächtlichen Wanderungen regelt Bernadette auch andere Dinge: Sie entdeckt Mängel in der Ausstattung, zerschlissene Teppiche, unbequeme Sessel, Mängel im Park und vieles andere, Angelegenheiten, die sie später mit dem Personal regelt.

Ohne sein "Rehlein", das Chirac noch öfter "meine Schildkröte" nennt, Hommage an ihre Bedachtheit und notorische Unpünktlichkeit, wäre der große Mann Frankreichs wahrscheinlich völlig aufgeschmissen, was er natürlich nicht zugibt. Was erzählt sie ? "Jeden Morgen, wirklich jeden, sagt er zu mir, was ich für ein Glück hätte, mit ihm verheiratet zu sein."

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