Politik : Keine Kontrolle

Die Kämpfe in Herat zeigen: Afghanistans Zentralregierung kann die Provinzen nicht beruhigen

Elke Windisch[Moskau]

Nach den Kämpfen in Herat sollen Verteidigungsminister Mohammed Fahim und Innenminister Ali Ahmad Dschalali in der Stadt wieder Ruhe herstellen. Doch ob die von Afghanistans Präsident Hamid Karsai am Montag entsandten Minister und die 600 zusätzlich stationierten Soldaten etwas bewirken können, ist fraglich: Die Kämpfe haben gezeigt, dass die Regierung in Kabul nach wie vor keine Kontrolle über die Provinzen hat.

Gewalt hatte am Sonntag das traditionelle Neujahrsfest Naurouz geprägt. Erst wurde Luftfahrtminister Mirwais Sadik erschossen, der Sohn von Herats Gouverneur Ismail Khan. Dann folgten heftige Gefechte zwischen Khans Milizen und Regierungstruppen in Herat. Zunächst war von etwa 100 Toten berichtet worden. Am Montag gab die Regierung bekannt, es seien nicht ganz so viele Menschen ums Leben gekommen und die Situation habe sich beruhigt. Doch die Lage bleibt angespannt. Vorsorglich wurden deutsche und italienische Diplomaten auf eine US-Basis bei Herat evakuiert.

Doch die Bundeswehr soll sich trotz der zugespitzten Lage nicht aus Afghanistan zurückziehen, sagte Verteidigungsminister Peter Struck am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Sabine Christiansen“. Ein Abzug der Bundeswehr würde nach seiner Einschätzung ein Scheitern der Bemühungen des Westens bedeuten. Das wäre eine schwere politische und geistige Niederlage, fügte der SPD-Politiker hinzu.

Beobachter sprechen von den bisher schwersten Zusammenstößen zwischen Zentralregierung und den nach wie vor mächtigen Provinzfürsten und Warlords nach dem Ende des Taliban-Regimes im Dezember 2001. Der Tadschike Ismail Khan, Anführer der Schiiten im Westen Afghanistans, ist mit den sunnitischen Paschtunen von Präsident Karsai traditionell verfeindet. Es geht um den Einfluss der Volksgruppen auf die Zentralregierung, aber auch um Geld: Khan weigert sich, Teile der Erlöse aus dem Schmuggelhandel mit Iran an die Zentralregierung abzuführen.

Um Khan gefügig zu machen, ernannte Karsai kürzlich dessen Erbfeind, den Feldkommandeur Zahir Nayebzade, zum Militärkommandanten der Stadt Herat. Ihn macht Khan auch für das Attentat auf seinen Sohn Sadik verantwortlich. Nayebzade spricht indes von Notwehr. Einheiten Khans und Sadiks hätten versucht, seine Residenz zu stürmen. Die Kämpfe in Herat sind offenbar nur der Beginn für eine neue Runde im afghanischen Machtpoker. Khan und andere Nichtpaschtunen wollen Karsais Wiederwahl hintertreiben. Doch Khan, Ex-Mudschahedin- Präsident Burhanuddin Rabbani und die Führer der Nordallianz konnten sich nicht auf einen Gegenkandidaten einigen.

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