KEINE PERSPEKTIVE IN UNIFORM : Piloten und Ärzte fliehen aus der Armee

Bundeswehr hat Bewerbern wenig zu bieten: schlechte Bezahlung, wenig Freizeit. Das Militär ist für viele Hochqualifizierte nicht mehr attraktiv.

Florian Ernst
Bundeswehr
In Afghanistan müssen die Soldaten ebenso so gut versorgt werden wie in der Heimat. -

Berlin - Die Bundeswehr in Afghanistan hat nicht nur mit den schwierigen Bedingungen vor Ort zu kämpfen. Die Führung der deutschen Truppe dort steht noch vor einem ganz anderen Problem: Der Bundeswehr laufen die höher Qualifizierten davon. Und damit wird auch der Einsatz am Hindukusch immer mehr ein organisatorischer Kraftakt. Schon jetzt ist die medizinische Versorgung in den Einsatzgebieten nach Ansicht von Wolfgang Petersen, Vorsitzender des Forums Sanitätsoffiziere, zum Teil problematisch.

Insgesamt 250 000 Soldaten stehen derzeit im Dienst der Bundeswehr. Davon sind mehr als 6 000 im Auslandseinsatz. Jeder Bewerber muss damit rechnen, jährlich für mehrere Monate im Ausland eingesetzt zu werden. Besonders bei hochqualifizierten Kräften wie Piloten oder Ärzten ist der Auslandseinsatz fast die Regel.

In Afghanistan müsse bei jeder Patrouille und jedem Außeneinsatz laut Order immer ein Arzt dabei sein, sagt Petersen. Das Problem sei aber, dass gar nicht genug als Notärzte ausgebildete Mediziner vor Ort seien. Ausgeglichen werde das dann durch Allgemeinmediziner, Ärzte mit anderen Spezialgebieten wie Radiologen, Hautärzten, Augenärzten oder sogar Ärzten, die sich gerade noch in der Facharztausbildung befinden, und die alle lediglich eine Einweisung in die Notfallmedizin bekommen haben. Um aber Soldaten im Ausland die gleiche Versorgung zusichern zu können wie in der Heimat, wären erfahrene Notärzte nötig.

Der Bundeswehrleitung sei das Problem bewusst, sagt Petersen, es würden auch erste Schritte getan. Dennoch verschlechtere sich die Lage, da viele junge Ärzte die Bundeswehr verließen, um in Universitätskliniken zu arbeiten. Zudem seien in zivilen Krankenhäusern zurzeit wieder mehr Stellen frei. Hauptgrund für den Ärzteschwund seien die schlechten Bedingungen bei der Bundeswehr, mit häufigen Auslandseinsätzen, hoher Überstundenbelastung und schlechter Vereinbarkeit mit einer Familie. „Meine Kollegen und ich haben in den letzten drei bis vier Jahren über 1500 Überstunden aufgebaut, bei 40 Tagen Urlaub, die wir noch haben“, beschreibt Petersen die Lage in der Unfallchirurgie des Bundeswehrzentralkrankenhauses in Koblenz.

Auch bei den Piloten gibt es offenbar verstärkte Abwanderungstendenzen. „Gerade erfahrene Piloten verlassen die Truppe“, sagt Thomas Wassmann, Vorsitzender des Verbands der Besatzungen strahlgetriebener Kampfflugzeuge. Im Kampfjet-Bereich sei das Problem am kleinsten. Vor allem Transportpiloten verließen die Bundeswehr. Auch einzelne Hubschrauberpiloten seien gegangen. Gerade diese Piloten kämen, nach kurzer Um- oder Weiterschulung, in der zivilen Luftfahrt an Stellen. Die Abwanderung von Transportpiloten habe man im Verteidigungsministerium durchaus erkannt, teilt ein Sprecher des Ministeriums mit. „Derzeit kann der normale Flugbetrieb in allen Bereichen aufrechterhalten werden“, versichert er. Man sei sich der verstärkten Konkurrenz mit zivilen Fluglinien bewusst und denke nun darüber nach, wie der Job wieder attraktiver gestaltet werden könnte. „Konkrete Maßnahmen sind bisher noch nicht eingeleitet worden“, fügt der Sprecher hinzu.

Die schlechte Bezahlung sei einer der wichtigsten Gründe, wieso Soldaten der Bundeswehr den Rücken kehren oder sich erst gar nicht dort bewerben, erklärt der Sprecher des Bundeswehrverbands, Wilfried Stolze. „Hochqualifizierte Menschen werden heute international gesucht.“ Und im Vergleich mit der freien Wirtschaft sähen die Bedingungen bei der Bundeswehr schlecht aus. „Bei vielen kommt außerdem Frust auf, wenn sie die Truppe kennenlernen“, sagt Stolze. Die Kombination aller negativer Faktoren stelle ein ernst zu nehmendes Problem für die Zukunft dar.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist die Zahl der Bewerber im ersten Halbjahr 2008 um elf Prozent bei den Unteroffiziers- und Mannschaftsrängen gefallen, um 16 Prozent bei den Offizieren. Die Truppenstärke insgesamt zu halten, dürfte auch in naher Zukunft möglich sein. Das Problem liegt darin, die Qualität zu halten: „Die Bundeswehr muss schauen, dass sie die Leute bekommt, die sie will“, sagt Stolze. Dabei spiele neben der Ausbildung auch das Sozialverständnis der Bewerber eine Rolle, betont er. Rechtsextremisten sollen durch psychologische Test aussortiert werden. Ein weiteres Problem ist, dass immer mehr Bewerber körperlich nicht fit genug sind. Das Ministerium sieht bis jetzt keinen Bewerbermangel: „Die Zahlen liegen im Bereich der normalen Schwankungsreserve.“

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