Politik : Keine Verbindung

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Unsere Arbeitsgruppe an der Heidelberger Universität hatte schon seit einiger Zeit wissenschaftliche Kontakte zur DDR. Einer unserer Kollegen aus dem Zentralinstitut für HerzKreislaufforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Buch war gerade für einige Wochen im Westen bei uns zu Besuch. Dann kam der 9. November 1989. Es war am frühen Abend. Ein unvergesslicher Augenblick. Im Labor zwischen Reagenzgläsern und Pipetten steht ein kleines Radio, das wie üblich auch heute die Laborhintergrundmusik liefert. Der Nachrichtensprecher berichtete von den Ereignissen an der Berliner Mauer. Unglaublich. Die Mauer sei geöffnet. Bericht von der berühmten DDR-Pressekonferenz. Die Menschen sollen ungehindert durch die Mauer strömen. Brüder und Schwestern aus Ost und West umarmen sich an den Durchbrüchen der Mauer. Volkspolizisten greifen nicht ein. Unser Kollege aus Ost-Berlin kommt ins Labor. Er kann es nicht glauben! Propaganda? November-Scherz? Bewusst gestreute destabilisierende Nachrichten? Alles scheint möglich oder unmöglich. Heftige Diskussionen über Wirklichkeit, Wahrscheinlichkeit und mögliche Konsequenzen. Der Ostberliner Gast möchte seine Familie anrufen. Keine Verbindung. Vielleicht hat sie schon in den Westen „rübergemacht“? Wir alle glauben die Nachricht nicht wirklich, solange wir im Labor sind und diskutieren. Unser Gast entschließt sich, sofort den Zug nach Berlin zu nehmen, um mit eigenen Augen zu sehen, was in den Nachrichten kam und um mit der Familie Kontakt aufzunehmen. Wir Wessis gehen nach Hause oder zum nächsten Fernsehapparat. Diese Bilder können nicht lügen.Fotos: Tsp, Charité

Detlev Ganten war 1989 Wissenschaftler in Heidelberg. Heute ist er Direktor der Charité.

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