Politik : Keinen Grashalm knickte der ordentliche Protestzug der Beamten (Glosse)

Stephan-Andreas Casdorff

Die Grünen haben doch irgendwie Recht, im Nachhinein und für die Zukunft gesehen. Berlin ist anders, lautete ihr Wahlslogan. Die Neuberliner aus Bonn, die in Mitte, die würden das wahrscheinlich sofort unterschreiben. Die Altberliner haben bisher noch gezögert, aber allmählich lernen sie in ihrer Stadt völlig neue Sachen kennen. So viel wird anders. Und jetzt auch noch Demonstranten, die sich selber ordnen.

Unter dem ehemaligen "Befehlshaber Ost" Jörg Schönbohm als Innensenator, gab es Polizeibeamte, die mit harter Hand Ordnung schaffen wollten. Das ist erstens nichts Ungewöhnliches, zweitens schon gar nicht bei einem politisch Wertkonservativen. Etwas anderes aber ist, wenn im weitesten Sinne Wertkonservative zu Zehntausenden für die alte Ordnung nun plötzlich demonstrieren. Da schaut man schon genauer hin.

Ob der Kanzler ganz genau hingeschaut hat - wir wissen es nicht. Das werden wir vielleicht noch sehen. Ob ihn beeindruckt hat, wie die Massen Maß hielten? Was zunächst inhaltlich gemeint ist, findet sich aber auch in der Form wieder: Der Blick auf den Demonstrationszug am Neptunbrunnen hat gezeigt, dass sie die ihnen gesetzten Grenzen nicht überschreiten. Bei ihren Protesten gegen Rot-Grün sind die Beamten wieder ganz ordentlich gewesen: Sie blieben auf den Wegen. Das Grün wurde geschont. Niemand trampelte darauf herum.

Demonstranten, die sich selber ordnen - das ist völlig neu. Und hat enorme Vorteile: Eine gemeinsame Erfahrung vereint Alt- und Neuberliner. Außerdem werden die Berliner mit dem ganzen Neuen in ihrer Stadt versöhnt. Schließlich gibt es der absoluten Mehrheit ein neues Selbstbewusstsein: Berlin ist anders.

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