Politik : Keiner da

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Es ist sehr bemerkenswert. Das journalistische Sommerloch, es war so tief wie seit vielen, vielen Jahren nicht mehr. Trotzdem ist auch diesmal diese eine Neiddebatte völlig ausgeblieben. Sonst wird von den einschlägigen Periodika jeder kleinste Anlass zum Neid dankbar aufgegriffen und zur zwölfteiligen Serie verarbeitet. Dieser eine Anlass ist seit einem halben Jahrhundert aktenkundig. Vielleicht deshalb wird er immer übersehen. Bei den Lehrern aber nicht, obwohl der Anlass da noch viel älter ist. Wenn einem frustierten Deutschen gar nichts anderes mehr einfällt, auf das er schimpfen kann, schimpft er auf die armen Pädagogen. Sechs Wochen Sommerferien! Sechs Wochen!

Ist aber schon mal jemandem übel aufgestoßen, dass es eine Berufsgruppe gibt, die noch viel längere Sommerferien hat? Das ist der Bundestagsabgeordnete. Acht Wochen! Am 3. Juli sind sie in die ICE-Sitze geplumpst, am 1. September fängt die Parlamentsarbeit wieder an. Zwei ganze Monate! Unglaublich! Warum regt sich da keiner drüber auf!? Wartet, wir finden einen! Telefonbuch her und wählen. Da, der M., der ist gut, der liefert immer ein knalliges Zitate. Tuut, tuut, knacks. „Guten Tag, hier ist der Anrufbeantworter. Herr M. ist bis zum 1. September im Urlaub. Dringende Anfragen richten Sie bitte an das Wahlkreisbüro der CSU in …“ Na gut, der nächste: Herr F. von der FDP. Tuut, tuut, knacks. „Guten Tag, hier ist der Anrufbeant…“ Na schön, dann eben der Bund der Steuerzahler, die erregen sich von Berufs wegen. Tuut, tuut, knacks. „Guten Tag, hier …“. Ganz langsam schwant uns, warum diese schöne Neidkampagne auch diesmal ausgefallen ist. Es ist einfach nie einer da, der sich aufregt.

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