Politik : Keizo Obuchi erliegt Folgen eines Schlaganfalls

Claudia Lepping

Aus dem Koma ist er nicht erwacht. Japans früherer Ministerpräsident Keizo Obuchi (62) starb am Sonntag an den Folgen des Schlaganfalls, den er am 2. April inmitten einer Regierungskrise erlitten hatte. Ranghohe Politiker waren bereits am Freitag aufgerufen, Japan nicht zu verlassen; zu rapide hatte sich Obuchis Zustand verschlechtert.

Von 1998 bis Anfang April stand der Literaturwissenschaftler und Politologe an der Spitze der Regierung. 1994 war er zum Vorsitzenden der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) gewählt worden. Noch am Tage seines Schlaganfalls, als er das Bewusstsein noch für wenige Stunden hatte, übergab er die Amtsgeschäfte an den Kabinettssekretär und Parteifreund Aoki. Später einigte sich das Kabinett auf LDP-Generalsekretär Yoshiro Mori, der in der vergangenen Woche Europa und den USA seinen Antrittsbesuch als neuer Premier abstattete.

Charisma wurde Keizo Obuchi nie nachgesagt. Der Ruf eines farblosen Kompromisskandidaten eilte ihm voraus, wohl auch, weil Vorgänger Hashimoto seine internationalen Kontakte - besonders zu Russlands Ex-Präsident Jelzin - geschickt vermarktete. Obuchi konzentrierte sich auf die Wirtschaftspolitik, und es gelang ihm, Japan durch Steuersenkungen und ein hartes Konjunkturprogramm aus der schlimmen Krise zu führen.

Doch hinter Obuchis dürftigem Image verbarg sich eine in Japan untypische Biographie. Der Sohn eines Abgeordneten, der sich in einer Garnmühle emporarbeitet hatte, brach 1963 zu einer neunmonatigen Weltreise auf. Nach der Rückkehr ging er als jüngster Unterhausabgeordneter in die Politik. Der Liebhaber klassischer europäischer Musik hinterlässt Frau, zwei Töchter und einen Sohn.

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