Kenia : Brown fordert "Aussöhnung und Einheit"

Der britische Premierminister Brown hat in Telefonaten Präsident Kibaki und Oppositionsführer Odinga zu einem Ende der Gewalt aufgerufen. Zusammen mit den USA hatte Großbritannien bereits zuvor an den "Geist des Kompromisses" appeliert.

London/NairobiNach seinen Telefonaten mit Kibaki und Odinga erklärte Brown: "Ich würde es gern sehen, dass sie Gespräche über Aussöhnung und Einheit führen. Ich möchte, dass sie die Möglichkeit prüfen, in einer Regierung zusammenzukommen." Der Premierminister der einstigen Kolonialmacht in Kenia setzte sich auch in Gesprächen mit dem Vorsitzenden der Afrikanischen Union, Ghanas Präsidenten John Kufuor, und dem Leiter der Beobachtermission des Commonwealth in Kenia, Ahmed Tejan Kabbah, für die Unterstützung eines Prozesses der Versöhnung ein. Beide hätten ihm zugestimmt, sagte ein Sprecher der Downing Street.

Rice und Miliband appellieren an "Geist des Kompromisses"

In einer am Morgen vom Außenministerium in London veröffentlichten gemeinsamen Erklärung forderten bereits US-Außenministerin Condoleezza Rice und ihr britischer Kollege David Miliband ein Ende der Gewalt. Vorrangig sei dazu ein "nachhaltiger Aufruf" der politischen Führer des Landes an ihre Anhänger. Rice und Miliband appellierten in diesem Zusammenhang an den "Geist des Kompromisses". Die demokratischen Interessen Kenias müssten im Vordergrund stehen.

Rice und Miliband begrüßten ausdrücklich den Aufruf der Afrikanischen Union an die Konfliktparteien, die Gewalt zu beenden, sowie das Engagement der Europäischen Union und des Commonwealth. Es gebe unabhängige Berichte über gravierende Unregelmäßigkeiten bei der Stimmenauszählung, kritisieren beide Politiker.

Blutige Unruhen im Osten des Landes

Nachdem Amtsinhaber Mwai Kibaki am Sonntagabend zum Sieger erklärt worden war, brachen in Teilen des ostafrikanischen Landes blutige Unruhen aus. Oppositionskandidat Raila Odinga akzeptiert das Wahlergebnis nicht und spricht von Manipulation. Er rief für Donnerstag zu Massendemonstrationen im ganzen Land auf. Den Wahlsieg Kibakis bezeichnete er als "zivilen Putsch". Der 76-Jährige könne nur mit Unterstützung des Militärs regieren.

Rund 75.000 Menschen sind nach Angaben des kenianischen Roten Kreuzes innerhalb des Landes auf der Flucht. Wie der britische Fernsehsender BBC weiter berichtete, kamen etwa 250 Menschen ums Leben.

Menschen verbrennen in einer Kirche

In einer Kirche verbrannten dutzende Frauen und Kinder bei lebendigem Leibe. Nach Medienberichten suchten sie Zuflucht vor einem gewalttätigen Mob, der das Gotteshaus jedoch in Brand steckte. Das kenianische Rote Kreuz bestätigte am Dienstag den Vorfall und sprach von etwa 50 Toten. In der Kirche seien zumeist Frauen und Kinder gewesen.

Der Angriff auf die Kirche ereignete sich im Ort Eldoret im Westen Kenias, wo Odinga besonders viele Anhänger hat. Der Pastor in Eldoret, Boaz Mutekwa, sagte der BBC, hunderte Menschen hätten sich in das Gotteshaus geflüchtet. Die meisten Opfer gehörten wie der wiedergewählte Präsident Kibaki der Volksgruppe der Kikuyu an, sagte er. Nach Angaben des Roten Kreuzes wollten viele aus der Flammenhölle fliehen, seien aber auch außerhalb der Kirche von den Angreifern attackiert worden.

EU fordert ein Ende der Gewalt

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Die Europäische Union forderte ein Ende der Gewalt. Die USA äußerten sich besorgt über "Unregelmäßigkeiten" bei der Stimmenauszählung. Auch die EU-Wahlbeobachter in Kenia sprachen sich für eine unabhängige Untersuchung des Wahlergebnisses aus.

Bei der Auszählung sei es zu "schweren Anomalien" gekommen, sagte Alexander Graf Lambsdorff, der deutsche Leiter der Beobachtermission, in Nairobi. Bereits nach der Wahl hatte Lambsdorff beklagt, dass Beobachter in mehreren Wahlbezirken nicht zur Stimmenauszählung zugelassen worden waren. Am Dienstag führte er im vorläufigen Bericht der Beobachtermission weitere Unregelmäßigkeiten auf.

Ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung

Die Angaben der Beobachter ließen am offiziellen Ergebnis zweifeln, sagte er. So hätten EU-Beobachter in einem Wahlbezirk 50.000 Stimmen für den offiziellen Wahlsieger Kibaki gezählt. Die Wahlkommission nannte aus diesem Bezirk jedoch 75.000 Stimmen für Kibaki. Mindestens ein weiterer derartiger Vorfall sei den EU- Wahlbeobachtern bekannt.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich ebenfalls besorgt. "Die zurückliegenden Wahlen waren aufgrund der hohen Wahlbeteiligung und des friedlichen Verlaufs ein Nachweis des demokratischen Selbstbewusstseins der Menschen in Kenia. Ihre Durchführung entsprach aber nicht internationalen Standards", betonte er.

Kibaki zum Sieger erklärt

Die Wahlkommission hatte Kibaki am Sonntagabend mit 230.000 Stimmen Vorsprung vor Odinga zum Wahlsieger erklärt. Nach Auszählung der Stimmen in 90 Prozent der Wahlkreise hatte noch Odinga in Führung gelegen.

Die Unruhen wirken sich auch auf Touristen in Kenia aus: Führende deutsche Reiseveranstalter haben bis auf weiteres einige Ausflüge gestrichen. Das Auswärtige Amt empfiehlt Kenia-Reisenden, sich angesichts der Unruhen nicht in der Nähe von Menschenansammlungen und politischen Kundgebungen aufzuhalten. Betroffen seien vor allem Slumgebiete der Hauptstadt Nairobi sowie weitere Städte, darunter auch die bei Touristen beliebte Küstenmetropole Mombasa. Dies geht aus den am Montag im Internet aktualisierten Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amts für Kenia hervor.

Unterdessen wurden Lebensmittel und Benzin im Land knapp. Viele Geschäfte haben seit den Wahlen geschlossen. In Supermärkten, die wenigstens vorübergehend geöffnet hatten, kam es zu Hamsterkäufen, berichtete die Zeitung "The Standard". (dm/sba/dpa)

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