Politik : "Kennedy´s Wars": Kennedys Kalte Kriege

Helmut Trotnow

Zwei Ereignisse sind in der Geschichte Berlins mit dem Namen von John F. Kennedy verbunden. Das erste fand am 26. Juni 1963 statt, als der amerikanische Präsident vor dem Schöneberger Rathaus die Aufmerksamkeit der Welt auf das Schicksal der gespaltenen Stadt lenkte. Zwei Jahre zurück lag das andere Ereignis, der 13. August 1961, als die kommunistischen Machthaber die Stadt teilten. "Der Westen tut nichts", klagte die deutsche Presse. Die Klage war auch Kritik und richtete sich vor allem gegen die USA und ihren Präsidenten. Wer, wenn nicht die westliche Führungsmacht, hätte das brutale Handeln der Sowjetunion verhindern können? Hätte es dazu eine Chance gegeben? Fand die Grenzziehung gar mit Wissen der USA statt?

Diese und ähnliche Fragen sind in den letzten vierzig Jahren nicht nur von der historischen Forschung immer wieder gestellt worden. Die Antworten lassen sich jetzt ziemlich verbindlich in einem Buch von Lawrence Freedman nachlesen. Vorerst nur in englischer Sprache. Unter dem Titel "Kennedys Kriege: Berlin, Kuba, Laos und Vietnam" hat der in London lehrende US-Historiker das außenpolitische Handeln und Denken von Präsident Kennedy minutiös nachgezeichnet. Wie der Titel andeutet, war aus amerikanischer Sicht "Berlin" alles andere als ein deutsches Problem. Natürlich verfolgten die USA keine "deutsche Politik", doch waren es die Deutschen, die davon profitierten. Obwohl das Buch im letzten Jahr erschien, ist es bei uns bisher kaum zur Kenntnis genommen worden.

Als John F. Kennedy am 20. Januar 1961 ins Weiße Haus einzog, war ihm das Berlin-Problem bekannt. Alle US- Präsidenten hatten sich seit dem Zweiten Weltkrieg mit diesem Problem herumgeschlagen. Die Hauptstadt des ehemaligen Reiches lag mitten in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR. Bereits 1948 wollte die Sowjetunion mit einer Blockade die USA und die anderen Westmächte Großbritannien und Frankreich aus der Stadt drängen. Die DDR sollte nicht ausbluten. Bis 1960 waren zwei Millionen Menschen in den Westen geflohen. Die VierMächte-Stadt Berlin war das Schlupfloch.

Im November 1958 drohte deshalb der sowjetische Staats- und Parteichef, Nikita Chruschtschow, mit einem separaten Friedensvertrag. Kennedys Vorgänger Eisenhower hatte ihn davon abbringen können, doch verschärfte der Absturz des Aufklärungsflugzeuges U-2 über dem Territorium der Sowjetunion die Spannungen wieder und führte im Mai 1960 zum Abbruch der Kontakte. Ein Jahr später, am 3. und 4. Juni 1961, trafen sich Kennedy und Chruschtschow in Wien. Der erfahrene und hartgesottene Sowjetführer sah sich im Vorteil, zumal der junge Präsident zu Beginn seiner Amtszeit einen fatalen Fehler begangen hatte. Der von ihm unterstützte Putschversuch auf der Karibik-Insel Kuba war kläglich gescheitert. Mit einer geradezu aggressiven Sprache suchte ihn Chruschtschow einzuschüchtern und sprach offen von Krieg.

Freedman stieß auf eine Bemerkung, die später aus den amerikanischen und sowjetischen Quellen entfernt wurde. Demzufolge soll der Sowjetführer ausgesagt haben, "den Krieg besser jetzt als später stattfinden zu lassen, bevor neue, noch schrecklichere Waffen entwickelt werden".

Das Treffen hat Kennedy nachweislich schockiert. Doch Chruschtschow unterschätzte seine Standhaftigkeit. Der US-Präsident stand in der Tradition des liberalen Antikommunismus, wie er sich mit Beginn des Kalten Krieges in der Demokratischen Partei herausgebildet hatte. Aus dieser Sicht wurden die liberalen Werte der Demokratie vom sowjetischen Kommunismus genauso bedroht wie seinerzeit vom Nationalsozialismus und dem japanischen Militarismus. In der Verteidigung dieser Werte lagen die Gründe für Washingtons Engagement in Europa, zu dem sich Kennedy ausdrücklich bekannte: der Marshall-Plan, die Berliner Luftbrücke oder die Gründung der Nato. Der Korea-Krieg 1950 hatte aber auch gezeigt, dass das amerikanische Engagement global angelegt war. Unmissverständlich kündigte Kennedy in seiner Antrittsrede an: Die USA werden "jeden Preis zahlen, jede Anstrengung auf sich nehmen, jeden Freund unterstützen und jeden Feind bekämpfen, um die Werte der Freiheit zu sichern".

Ursprünglich hatte Kennedy neben Berlin zwei weitere Themen erörtern wollen: Laos und den Abschluss eines Vertrages zur Beendigung der Atomtestversuche. Drüber zu reden lag nahe, um eine generelle Abrüstungs- und Entspannungspolitik in Gang zu setzen. Chruschtschow war jedoch so auf Berlin fixiert, dass er hiervon alle weiteren Gespräche abhängig machte. Den Atomteststopp-Vertrag konnte Amerikas Staatschef im Sommer 1963 vollenden. Der Vietnam-Krieg begann erst unter seinem Nachfolger.

Die Errichtung der Grenzanlagen mitten durch Berlin und Deutschland war aus der Sicht Kennedys nicht der Beginn, sondern eher das Ende einer Entwicklung. "Warum", so fragte er im engen Mitarbeiterkreis, "sollte Chruschtschow eine Mauer bauen, wenn er West-Berlin hätte einnehmen wollen"? Die Gefahr der militärischen Konfrontation war entschärft, das Berlin-Problem blieb dagegen ungelöst.

Dies zeigte sich bereits ein Jahr später, als die Sowjetunion Kuba zur Angriffsfestung gegen die USA aufrüsten wollte. Neben 50 000 Soldaten stationierte Chruschtschow Kampfflugzeuge und atomare Mittelstreckenraketen. Kennedys Dilemma bestand darin, dass die Sowjetunion jede Verteidigungsmaßnahme zum Anlass nehmen konnte, um gegen Berlin vorzugehen. Als er am 19. Oktober 1962 gemeinsam mit dem Generalstab die Strategie festlegte, mahnte er: "Unser Problem ist nicht nur Kuba, es ist auch Berlin."

Am Ende sollte sich für die Sowjetunion das Engagement auf der Karibik-Insel als katastrophale Fehlentscheidung erweisen. Die Haltung der USA war dabei gar nicht so wichtig. Ursache war der Zwist im kommunistischen Lager. Zunehmend stellte China die sowjetische Führungsrolle in Frage. Offen kritisierte Mao Ze Dong die kraftlose Politik Chruschtschows, der in der Berlin-Krise und jetzt in Kuba vor der militärischen Konfrontation zurückgeschreckt hatte. Der komplette Rückzug hätte diesen Eindruck nur verstärkt. Kuba wurde zum Spiegelbild von Berlin, wie Kennedy dem britischen Premier Harold Macmillan erläuterte: "Chruschtschow hat Kuba in der Hand, nicht aber Berlin. Sollte er in Berlin aggressiv werden, tun wir dasselbe in Kuba." Am Ende seiner kurzen Regierungszeit, resümiert Freedman Kennedys Außenpolitik, war der Kalte Krieg weitaus weniger gefährlich als zu Beginn seiner Amtszeit. Die Gründe für diesen Erfolg sieht er in der Selbstbeschränkung. Kennedy war zwar bereit, für West-Berlin auch militärische Mittel einzusetzen, nicht aber für Berlin als Ganzes. Er zwang Chruschtschow zwar zum Abbau der Atomraketen auf Kuba, ohne aber den Sturz von Fidel Castro zu betreiben.

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