Kernenergie : Akw-Pannen ohne Folgen?

Atomkraftgegner streiten mit den Behörden und Stromerzeugern um Wasserstoffexplosionen in Brunsbüttel und anderen Akw.

Dieter Hanisch[Kiel]

Laut der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) wussten zuständige Behörden und Betreiber schon lange von Gefahren, die durch die Bildung von so genannten Knallgasen für die Sicherheit von Atomkraftwerken entstehen können. Im Dezember 2001 hatte es in dem Siedewasserreaktor Brunsbüttel eine schwere Wasserstoffexplosion gegeben. Rund drei Meter Rohrleitung wurden zerfetzt, so die Umweltschutzorganisation Greenpeace, nur ein einziges Ventil habe sich zwischen dem zerstörten Rohr und dem hochradioaktiven Herzen des Reaktors befunden und den Austritt von radioaktivem Dampf gestoppt.

IPPNW sagt nun, ein solcher Unfall habe sich länger angekündigt. Sie berufen sich auf Vorfälle in Brunsbüttel und anderen deutschen Siedewasserreaktoren in den Jahren zuvor. Dagegen sagen das Kieler Sozialministerium sowie der Akw-Betreiber Vattenfall, diese vorhergehenden Explosionen stünden in keinem Zusammenhang mit der Explosion im Dezember 2001.

IPPNW-Atomkraftsprecher Henrik Paulitz wirft der Kieler Behörde und dem Stromerzeuger den „Versuch einer weiteren Täuschung der Öffentlichkeit“ vor. Die IPPNW beruft sich auf Unterlagen mit entsprechenden Warnhinweisen von der Gesellschaft für Atomanlagen- und Reaktorsicherheit, die das Bundesumweltministerium genauso erreichen wie die Atomaufsichtsbehörden der Länder.

Demnach hat es entsprechende Explosionen am 6. Mai 1987 im Akw Gundremmingen, am 6. November 1987 in Krümmel und am 17. September 1999 in Brunsbüttel gegeben. Bei letzterer brach eine vier Zentimeter dicke Stahlleitung, sechs Tonnen radioaktiver Dampf wurden freigesetzt. Paulitz wirft dem damaligen Betreiber von Brunsbüttel vor, trotz dieser Warnsignale nicht entsprechend gehandelt zu haben. Vattenfall, zu dem der frühere Betreiber HEW nun gehört, besteht darauf, die Kraftwerke seien alle entsprechend nachgerüstet worden; bei dem Vorfall in Brunsbüttel sei es dann zu einem anderen Ablauf als in den vorher bekannten Fällen gekommen.

Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) kritisierte am Dienstag den Ministeriumszuschnitt der Kompetenzen mit Blick auf die Bundesumweltbehörde, die unter SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel für den Bereich Kernenergie zuständig ist. Glos: „Es wäre besser, alle Energiefragen lägen wie in anderen Ländern in der Hand des Wirtschaftsministers.“

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) räumte ein, dass für das Akw Brunsbüttel eine Laufzeitverlängerung nicht vermittelbar wäre. Er verwies auf den Atomkonsens, nach dem es 2009 stillzulegen ist. Die Brunsbütteler CDU jedoch verlangt den Bau eines neuen Atomkraftwerkes.

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