Kernkraft : Wie gefährlich ist Biblis A?

Eine Studie des Darmstädter Öko-Instituts hat ergeben: Bei einem Terroranschlag mit einem Passagierflugzeug müsste sogar Berlin evakuiert werden, falls das Atomkraftwerk Biblis A getroffen wird. Es ist nur 40 Flugsekunden von Frankfurt entfernt.

Christoph Schmidt Lunau[Wiesbaden]
Biblis
Wann Biblis A stillgelegt werden soll, ist noch offen. -Foto: dpa

Ein von Terroristen herbeigeführter Absturz eines Passagierflugzeugs auf das Atomkraftwerks Biblis A wäre der „Todesstoß für Hessen“. Die Beherrschbarkeit der Auswirkungen auf Deutschland stehe infrage; so kommentierte der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer eine Studie des Darmstädter Öko- Instituts, die er gestern vorgestellt hat. Die Physiker Christian Küppers und Christoph Pistner haben im Auftrag von Scheers Vereinigung „Eurosolar“ untersucht, welche Folgen ein solcher Anschlag hätte.

Außer Frage steht, dass die vier ältesten Atommeiler der Republik (Biblis A, Philippsburg, Isar 1 und Brunsbüttel) einem solchen Angriff wohl nicht standhalten würden. Selbst die später gebauten, moderneren Anlagen seien nur auf den Absturz von Militärmaschinen des Typs Starfighter oder Tornado ausgelegt, Passiermaschinen seien zehn- bis zwanzigmal so schwer und führten erheblich mehr Treibstoff mit sich, sagt der Darmstädter Physiker Christoph Pistner.

Der Betonmantel des 50 Kilometer und 40 Flugsekunden von Frankfurt entfernten Blocks Biblis A jedenfalls würde bei einem solchen Ereignis bersten, schreiben die Autoren. Je nach Windrichtung und Wetter müsste nach einem solchen Unfall mit der Freisetzung erheblicher Mengen von Radioaktivität gerechnet werden. „Bei neutraler bis leicht stabiler Luftturbulenz und Wind aus Südwest“ würde das zu evakuierende Gebiet sogar weite Teile der Bundeshauptstadt Berlin umfassen. Im schlimmsten Fall wäre ein Gebiet von 10 000 Quadratkilometern vorübergehend unbewohnbar.

Hermann Scheer, den die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti bei einem Wahlsieg zum Umwelt- und Wirtschaftsminister machen will, nannte Biblis die „größte anzunehmende Gefahrenquelle für Deutschland“. Gegen diese Gefahr helfe weder die geplante Nachrüstung von Biblis A mit einer Vernebelungsanlage noch die Ermächtigung zum Abschuss von entführten Passagiermaschinen. Der für Biblis zuständige SPD-Bundestagsabgeordnete, Gerold Reichenbach, ergänzte, der Katastrophenschutz der Region werde bei einem solchen Ereignis völlig überfordert sein, weil durch Dominoeffekte wichtige Internet- und Telekomschaltstellen ausfallen würden. Zu allem Überfluss habe man aus Kostengründen die Kreisverwaltung in Heppenheim, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Biblis, zur Koordinationsinstanz erklärt. „Das ist so, als mache man bei einem Verkehrsunfall den Schwerstverletzten zum Notarzt“, so Reichenbach.

Scheer kündigte an, die Studie den Bundesministern für Verteidigung, Franz Josef Jung, und für Inneres, Wolfgang Schäuble, beide CDU, zukommen zu lassen. Erst auf Nachfrage versicherte er, das explosive Papier auch seinem Parteifreund, Umweltminister Sigmar Gabriel, zuzustellen. Die FDP-Fraktion im hessischen Landtag richtete denn auch umgehend ein Schreiben an diesen für die Atomaufsicht zuständigen Bundesminister. Gabriel müsse umgehend über die Gefährdungslage aufklären und notfalls Entscheidungen treffen. Nach Einschätzung der FDP entwickelt Scheer allerdings Horrorszenarien, weil er sein Konzept für erneuerbare Energien nicht glaubhaft vermitteln könne. Die CDU sprach von unverantwortlicher Panikmache.      

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