Kids Rights Index : Kinder sind die bunten Steine unseres gesellschaftlichen Mosaiks

Der Zustand einer Zivilisation spiegelt sich im Umgang mit dem Wertvollsten, das wir haben: unsere Kinder. Ein Gastbeitrag.

Dorothee Bär
Neugeborenenstation im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle.
Neugeborenenstation im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle.Foto: dpa

Katzenvideos gehen immer. Katzen sind lustig, niedlich, unpolitisch. Und fast möchte man sagen: Kindervideos gehen auch immer. Kleinkinder, die ihren Brei über ihr Gesicht schmieren, die Klopapierrolle im halben Haus verteilen, ihre Geschwister oder die Katze aus dem Video zuvor ärgern oder einschlafend mit dem Gesicht im Spinat versinken.

Warum das so ist, ist offensichtlich: Kinder sind immer mit einem überdurchschnittlich hohen Maß an Emotionen verbunden, schaffen automatisch ein Höchstmaß an Affinität und treffen damit von alleine das Interesse der Zuseher. Schließlich haben oder kennen wir alle selbst genug Kinder – und wenn das nicht zutreffen sollte, waren wir alle einmal selbst eines.

Weil das so ist, war die Kinderwette bei „Wetten dass..?“ immer außerhalb der Konkurrenz, man konnte nie für die coolen, ein bisschen frechen aber meist erfreulich selbstbewussten kleinen Kandidaten anrufen, denn sonst hätte der Baggerfahrer, der 400 volle Bierkästen auf drei rohen Eiern platziert hatte, schließlich überhaupt keine Chance mehr gehabt, Wettkönig zu werden.

„Zeigt mir Eure Kinder, und ich sage Euch, wer Ihr seid“

Aber wenn uns Kinder so wichtig sind, wenn sie uns immer irgendwie berühren, wenn sie zu Youtube- und Samstagabendshow-Stars werden, warum lassen wir uns dann zwar gerne von ihnen unterhalten, unterhalten uns aber doch nicht ausreichend mit ihnen? Vor kurzem, beim Weltkindertag, bin ich wieder einmal auf ein Zitat von Albert Einstein gestoßen, das in seiner Richtigkeit der Relativitätstheorie in nichts nachsteht: „Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.“

Man möchte, diese Worte im Hinterkopf, unserer Gesellschaft entgegenrufen: „Zeigt mir Eure Kinder, und ich sage Euch, wer Ihr seid“, denn in der Tat erkennt man den Zustand einer Gesellschaft am besten, wenn man sich den Stellenwert der Jüngsten ansieht.  

Das Wohl der Kinder setzt sich – wie sollte es anders sein – aus vielen Komponenten zusammen, wie bei einem Mosaik, zu dem viele den passenden Stein beitragen müssen, damit es ein passendes Gesamtbild ergibt.

Dazu gehören Bildungsangebote ebenso wie die Förderung der Freizeitgestaltung. Dazu gehört die Integration, beispielsweise von jungen Geflüchteten, ebenso wie Inklusion, also die Förderung und Berücksichtigung von jungen Menschen mit Behinderung. Und dazu gehört es, ein soziales wie mediales Umfeld zu schaffen, das Kinder nicht als junge, unfertige Erwachsene betrachtet, die man möglichst schnell heranziehen und perfektionieren muss, damit sie funktionieren, sondern eines, das die Kindheit als wesentlichen und für sich stehenden Lebensabschnitt betrachtet und akzeptiert.

Eine Gesellschaft, die vermeintliche Langeweile im Kinderzimmer nicht als vergeudete Lebenszeit, sondern als Quelle der Kreativität betrachtet und die im Begriff des Müßiggangs auch das „Aufsuchen der Muse“ erkennt, die etymologisch in diesem meist pejorativ gebrauchten Begriff steckt.

Wir sollten Schulen nicht zu pädagogischen Festungen gegen die vermeintlichen digitalen Raubritter machen

In dieser Gesellschaft wird selbstverständlich auch eine Politik benötigt, die Familien stärkt, damit junge Menschen das Gefühl haben, sich Kinder leisten zu können - sowohl finanziell, als auch zeitlich.

Dazu gehört es, dass der Beruf keine Hürde für das Elternsein und das Elternsein keine Hürde für den Beruf darstellt.

Und dazu gehört es auch, dass weder der Staat noch das soziale Umfeld sich zum Richter über bestimmte Familien- und Erziehungsmodelle macht.

Dazu gehört schließlich aber auch, dass wir die Stellung der Kinder im politischen und gesellschaftlichen Diskurs stärken. Wer fragt eigentlich die Kleinen, etwa die Grundschülerinnen und Grundschüler, welche Themen ihnen wichtig sind und welche Probleme sie haben? Wie viele Bundes-, Landes- und Kommunalpolitikerinnen und -politiker haben im vergangenen Jahr eigentlich das Gespräch mit den 10-15-Jährigen gesucht?

Und auf der anderen Seite: Wie groß wäre eigentlich der (social-)mediale Aufschrei, wenn es beim nächsten Infostand einer Partei einen Kindertisch gäbe, der zum Gespräch mit einem Mandatsträger einlädt?

Es ist unser aller Aufgabe, Kinder Kind sein zu lassen und sie dennoch auf das Leben als Erwachsene vorzubereiten, auf ein Leben, das sich heute schneller zu verändern und zu entwickeln scheint, als viele das aus ihrer eigenen Kindheit noch zu kennen glauben.

Der technologische Fortschritt schreitet zügiger und umfangreicher voran, als viele es wahrhaben wollen und es hilft uns nicht weiter, unsere Töchter, Söhne und Enkel vor den Gefahren der modernen Welt zu warnen, anstatt sie mit dem nötigen Wissen zu eigenverantwortlichem Verhalten zu befähigen.

Wenn wir Schulen zu pädagogischen Festungen gegen die vermeintlichen digitalen Raubritter machen, die mit WLAN-Routern und mobilen Endgeräten bewaffnet versuchen, in die Gehirne unserer behüteten Kleinsten einzudringen und deren erste Opfer die vergilbten und veralteten Schulbücher darstellen, die sie in den wohlverdienten Papiermüll entsorgen, dann bedeutet dies keine Wertschätzung unserer Bildungssysteme und derer, die es genießen sollen, sondern eine Exklusion der Neugierigen aus einer Welt, wie sie sich außerhalb der Schulmauern immer weiterentwickelt. Wenn eine Institution, die darauf ausgelegt ist, die jungen Menschen auf das Leben vorzubereiten, sie gleichzeitig von eben jener Realität ausgrenzt, dann erfüllt sie ihren Auftrag nicht und man darf sich nicht über Orientierungslosigkeit und Frustration der Jugendlichen wundern. Wenn das kostbare Pflänzchen der Neugierde nicht gegossen wird, verkümmert es. Es wieder aufzurichten ist ungleich schwieriger, als es beim Heranwachsen zu unterstützen.

Gesamtkunstwerk einer modernen und zukunftsfähigen Gesellschaft

Bei oben genannten Mosaik unserer Welt sind es die bunten Steine, die das Bild erst lebendig und aufregend machen. Erst die Farbe trägt zur Schönheit bei und komplettiert es. Diese bunten Steine sind die Kinder unserer Gesellschaft und je stärker sie leuchten, desto beeindruckender wird das Gesamtkunstwerk einer modernen und zukunftsfähigen Gesellschaft.

Wenn der Bundespräsident sagt, wir hätten gute Gründe, uns die Zukunft zuzutrauen, dann sind ist es auch die junge und jüngste Generation, die zu diesen Gründen zu zählen sind. Wenn wir darüber sprechen, wie wir uns die Welt und unser Land in der mittelbaren und unmittelbaren Zukunft vorstellen, dann sollten wir den Kids Rights Index mit der gleichen Ernsthaftigkeit betrachten wie das Bruttoinlandsprodukt.  

Denn die Wertschätzung der eigenen Zukunft, der Grad der Menschlichkeit, der Zustand einer Zivilisation, sie alle spiegeln sich im Umgang mit dem Wertvollsten, das wir haben: unsere Kinder.

Die Autorin ist Bundestagsabgeordnete für die CSU. Der KidsRights Index ist ein jährlicher erstellter Index, den die internationale Nichtregierungsorganisation KidsRights in Kooperation mit der Erasmus Universität Rotterdam erstellt. Ermittelt wird der Status von Kinderrechten in 163 Ländern rund um den Globus. Die Daten auf denen der Index basiert, werden regelmäßig durch UNICEF und dem UN Ausschuss für die Rechte des Kindes aktualisiert. Der KidsRights Index 2016 erscheint am 13. Juni 2016.

 

 

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