Kiel : Stegner, Carstensen und das Projekt Menschwerdung

Die Fehde zwischen Regierungschef Carstensen und SPD-Herausforderer Stegner prägt den Wahlkampf in Kiel

Christian Tretbar[Kiel]
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Die Idylle trügt. Die Kontrahenten in Schleswig-Holstein pflegen ihre Antipathie - und ringen um Glaubwürdigkeit. Foto: dpadpa

Es geht an diesem Abend in Kiel um Menschen wie Dagny Wohld. Sie sitzt in einer der hinteren Reihen des schlauchförmigen Saals, der in warmes, rotes Licht getaucht ist – und sie ist skeptisch. Wählen wollte sie die SPD diesmal nicht, obwohl sie Mitglied ist. Aber auch das sollte sich bald ändern, dachte sie. Doch irgendetwas ist mit ihr passiert. Erst war es das Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, das sie stutzig gemacht hat, und dann habe sie auch noch erfahren, dass „dieser Stegner“ gar nicht so ein Unsympath sein soll, wie alle sagen. Deshalb sei sie hier.

Stegner muss sich beeilen. Ein paar Wochen für einen Wahlkampf sind schon knapp. Aber für ein Projekt mit dem Ziel Menschwerdung ist diese Zeit fast nur ein Wimpernschlag.

Er versucht es. Auf sein Markenzeichen muss er dabei verzichten: die Fliege. Bei Veranstaltungen wie in der Lounge der Ostseehalle, die jetzt Sparkassen-Arena heißt, und auf Bildern ist sie tabu. Offen muss der Hemdkragen jetzt sein. Die Fliege hat Stegner arrogant und hochnäsig gemacht. Einige sagen auch, er neige zu „verbalen Gewaltausbrüchen“. Dann war da auch noch jener März im Jahr 2005, als Heide Simonis wiedergewählt werden wollte, aber in vier Versuchen scheiterte. Stegner wurde verdächtigt, derjenige gewesen zu sein, der Simonis die Stimme verweigerte. Geklärt ist der ganze Fall bis heute nicht. Doch egal wie, Simonis ist da. Auch an diesem Abend in Kiel. Mit lautstarkem Applaus wird sie begrüßt. Reden wird sie aber nicht. Stegner müsse das jetzt schon allein schaffen.

Fotos sollen helfen: von ihm mit Fanschal des Hamburger SV und beim Wandern auf einer Düne. Gespräche sollen helfen: am roten Tresen auf der Bühne über seine Kindheit im pfälzischen Wirtshaus seiner Eltern oder auf dem Ledersofa neben seiner Frau Sybille über Kindererziehung. Sogar Tanzen soll helfen: mit der Moderatorin.

Doch es bleibt bei privaten Dehnübungen. Seine Sätze münden in einem künstlichen Lachen. Fragen aus dem Publikum erwartet er auf der Bühne mit herunterhängenden Mundwinkeln, die Antworten kommen oft mit hochgezogenen Augenbrauen. Er ist nicht der Typ Kumpel. In der Pause steht er erst allein, dann gesellt sich Simonis zu ihm. Beinahe schüchtern wirkt er da, ohne Rampenlicht. Er braucht die Auseinandersetzung.

Die gibt es in diesem Wahlkampf, nur geht es nicht um die Sache, wenigstens selten. Es ist ein Kampf um das Persönliche, ein Ringen um Glaubwürdigkeit. Im Mittelpunkt stehen Stegner und sein Widersacher, CDU-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen. Sie sind Feuer und Wasser in diesem Wahlkampf. Stegner, der schneidige, intellektuelle und vor allem scharfzüngige Analytiker, der nur eines nicht könne: lachen. Carstensen dagegen, der opahafte Seebär, gilt als „König der Volksfeste“, der aber eines nicht zeigen kann: Kompetenz. Die Leidenschaft für die Sache wird ihm selbst von politisch ähnlich Denkenden abgesprochen. Beide pflegen ihre Antipathie. „Ich habe schon oft in Anlehnung an Friedrich Hebbel gesagt, dass ich lieber ein Mensch mit Ecken und Kanten bin als ein rundes Nichts, wenn das Herr Carstensen auf sich bezieht, ist das sein Problem“, sagt Stegner beispielsweise. Carstensen seinerseits verwahrt sich gegen persönliche Angriffe und verlangt „Verlässlichkeit“. Und so werfen sich die ehemaligen Partner Unfähigkeit vor. Auch beim TV-Duell, zu dem Carstensen und Stegner am heutigen Mittwoch antreten müssen, wird es darum gehen. Viel wird von diesem Duell abhängen. Schließlich ist das Lager der Unentschlossenen noch groß. Es könnte aber auch einen Trend bestätigen. Vieles wirkt zwar hölzern bei Stegners Sympathie-Offensive, aber der Wähler scheint schon den Versuch zu goutieren. In den Sympathiewerten legt er Woche für Woche zu. Mittlerweile wünscht sich sogar eine Mehrheit der Schleswig-Holsteiner eine SPD-geführte Regierung. Schwarz-Gelb hatte mal einen komfortablen Vorsprung, der ist aber nun so gut wie dahin. Carstensen könnte zum großen Verlierer werden.

Aber er hat noch zwei Asse im Ärmel, für die er gar nichts kann. Wolfgang Kubicki, der FDP-Fraktionsvorsitzende, zum Beispiel. Ein liberales Urgestein, einer, der in Umfragen hohe Sympathiewerte bekommt. Auch er führt einen Kleinkrieg mit Stegner. „Stegner ist intelligent, aber nicht klug. Es ist seine Art zu kommunizieren, die es auf Dauer unerträglich macht, mit ihm zu reden“, sagt er. Deshalb schließt er eine Ampel aus. Dabei sind sich die beiden ähnlicher, als ihnen lieb ist. Wortgewandt, mit schneller Auffassungsgabe und markig in der Wortwahl. Stegner demonstriert das: „Kubicki ist herrlich erfolglos, auch beim Wetten. Deshalb biete ich ihm folgende Wette an: Wenn es zu Schwarz-Gelb wider Erwarten reicht, arbeite ich einen Tag in der FDP-Fraktion, langt es nicht, muss Kubicki einen Tag bei uns arbeiten.“ Dass aber auch Kubicki kein einfacher Partner ist, wird auch Carstensen zu spüren bekommen. Einige glauben sogar, dass es noch schwieriger wird als mit Stegner.

Kubicki macht sich kaum Sorgen, dass die FDP nicht in der nächsten Landesregierung ist. „Die SPD würde nur mit den Linken eine Mehrheit bekommen, aber auf so eine Chaos-Combo werden sich die Grünen nicht einlassen“, sagt Kubicki, der sich anders als vor vier Jahren ein Bündnis mit den Grünen vorstellen kann.

Das sieht Robert Habeck ähnlich. Er ist Landesvorsitzender der Grünen, hält sich alles offen, und er ist Carstensens zweiter Trumpf. „Mein Verhältnis zu Herrn Habeck ist auf jeden Fall besser als zu Herrn Stegner“, sagt er. Habeck, 40 Jahre, Vater von vier Kindern und freier Autor, gehört zu einer neuen Generation der Grünen. Eine, die sich nicht mehr als natürlicher Partner der SPD sieht. „Uns geht es um grüne Eigenständigkeit, und nach der Wahl wird man sehen, mit wem die meisten unserer Inhalte umsetzbar sind“, sagt Habeck und verteilt in der Kieler Innenstadt sein Wahlprogramm. Bei 13 Prozent liegen die Grünen in Schleswig-Holstein, knapp hinter der FDP (rund 14 Prozent). Aufgeschlossen reagieren die Passanten auf den Mann in Jeans und schwarzem Sakko. „Wir haben Sie sogar schon gewählt“, ruft ein Fußgänger. Und schon jetzt buhlen alle um ihn. CDU und FDP betonen inhaltliche Gemeinsamkeiten. Konfliktpunkte gibt es kaum. Studiengebühren lehnen sie ab, CO2-Lager auch, und selbst beim Thema Atomkraft bezieht das schwarz-gelbe Lager im Norden eine andere Position als im Rest des Landes. „Bei manchen Veranstaltungen komme ich mir vor wie auf einem Parteitag von uns, so sehr geben sich die anderen grün.“

Aber auch die Grünen selbst haben alles getan. Auf eine Koalitionsaussage verzichten sie, und ihr Personal, das eher Rot-Grün-affin war, haben sie auch fast gänzlich ausgetauscht. „Die Partei wollte den personellen Neuanfang“, sagt Habeck. Die Grünen in Schleswig-Holstein haben einen Vorteil, der es wahrscheinlicher macht, dass sie das erste Jamaika- Bündnis in einem Flächenland bilden könnten: Ihre Themen sind hier Mainstream. Selbst die Bauern, Stammwähler der CDU, wissen, dass sie regenerative Energien brauchen – es bringt ihnen Geld. Außerdem wollen sich die Grünen nicht auf die Linken verlassen, die in Schleswig- Holstein zwar ins Parlament kommen können, weil viele ihrer Wähler durch die parallele Bundestagswahl mobilisiert werden, aber als zerstritten und sektiererisch gelten. Bleibt der Südschleswigsche Wählerverband. Auch der ist nach allen Seiten offen.

Stegner könnte wegen dieser Gemengelage am Ende als Held ohne Beute dastehen. Selbst Wegbegleiter sagen deshalb: „Da muss der Stegner aufpassen.“ Nur eines ist ihm immerhin sicher: die Zuneigung von Dagny Wohld. Die reckt nach Stegners Charme-Offensive in Kiel die Daumen hoch.

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