Politik : Killerkommando erschießt Christen in Kairo

Zwei Tote und 17 Verletzte – erste Verdächtige festgenommen Kirche beklagt nach Anschlag auf Gottesdienstbesucher mangelnden Schutz.

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Auf offener Straße. Vor dieser Kirche wurden mehrere Gläubige ermordet. Foto: dpa
Auf offener Straße. Vor dieser Kirche wurden mehrere Gläubige ermordet. Foto: dpaFoto: dpa

Kairo - Fassungslos standen die Gläubigen auf der Straße, vor ihnen die Blutlachen. Einer der Anwesenden deutete auf einen von Kugeln durchlöcherten Plastikstuhl. Der Hochzeitsgottesdienst in der Kairoer Jungfrau-Maria-Kirche war gerade zu Ende, festlich gestimmt strömten die Gäste am Sonntagabend nach draußen, als plötzlich Schüsse fielen. Zwei Vermummte auf einem Motorrad rasten heran, der Mann auf dem Rücksitz feuerte wahllos in die Menge. Die 56-jährige Mutter des Bräutigams, die vor der Kirche auf dem Stuhl gesessen hatte, war sofort tot, ebenso wie ein achtjähriges Mädchen und ein älterer Mann. 17 Verletzte wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums ins Krankenhaus gebracht, mehrere in kritischem Zustand. Am Montag starb ein viertes Opfer. Ägyptens Übergangspremier Hazem al Beblawi verurteilte die Bluttat und versprach, der Polizei werde alles tun, um die Verbrecher zu ermitteln. Mehrere Verdächtige wurden noch am Montag festgenommen, wie die ägyptische Zeitung „Al-Masry Al-Youm“ meldete.

Der kaltblütige Straßenmord an Gottesdienstbesuchern mitten in Kairo ist eine neue Dimension bei den Racheakten von Islamisten an Kopten. Diese Minderheit wird als Sündenbock missbraucht. Die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi werfen den Christen vor, dessen Entmachtung mitgetragen und begrüßt zu haben. Vor acht Wochen erst hatte die extrem brutale Räumung der beiden Protestlager der Muslimbrüder in Nasr City und Dokki durch die Polizei, bei der 885 Demonstranten und sieben Polizisten starben, in vielen Teilen Ägyptens regelrechte Gewaltorgien gegen Kopten ausgelöst. Allein in Minia und Assiut in Oberägypten, die als Hochburgen der Islamisten gelten, wurden mehr als 60 Kirchen, Klöster und Schulen komplett zerstört. Mindestens 200 Geschäfte und Wohnhäuser von Christen gingen in Flammen auf. Mittlerweile kommt es regelmäßig auch zu Entführungen von Kopten, wie kürzlich in Minia. Dort hatten die Kidnapper ein 14-jähriges Mädchen gezielt aus einem Minibus geholt sowie einen 57-jährigen Arzt auf dem Weg von seinem Krankenhaus nach Hause mit gezückter Pistole in ihren Wagen gezerrt. Die Täter verlangen für seine Freilassung umgerechnet 120 000 Euro.

Bischöfe, Pfarrer und Gläubige erheben derweil immer heftigere Vorwürfe gegen Ägyptens Innenminister und die Polizei – eine Kritik, der sich auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in ihrem 16-seitigen Bericht über die Pogrome im August anschloss. Das Versagen des Staates, die Täter zur Verantwortung zu ziehen, sende an die Kopten und andere religiöse Minderheiten das Signal, sie seien Freiwild, heißt es in dem Text. „Jede Untersuchung muss auch die Rolle der Sicherheitskräfte ins Auge fassen. Manche Angriffe dauerten Stunden und wiederholten sich an den folgenden Tagen.“ Man frage sich, warum die Polizei nicht in der Lage gewesen sei, die Untaten zu verhindern oder zu beenden.

In das gleiche Horn stießen nach dem Attentat in Kairo auch die Priester der Jungfrau-Maria-Kirche. Seit dem Sturz von Mohammed Mursi seien keine Polizisten mehr zur Bewachung des Gotteshauses abgestellt worden, sagte Pfarrer Beshay Lotfi. Sein Mitbruder Thomas Daoud Ibrahim sprach von einem Angriff auf ganz Ägypten, nicht nur auf die Christen. Koptische Aktivisten riefen am Dienstag zu einer Kundgebung gegen die Regierung auf. Martin Gehlen

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