Politik : Kim Jong Il in Russland: Im Panzerzug zu Putin

Elke Windisch

Auf dem Bahnhof im fernöstlichen Chabarowsk standen sich TV-Teams eine halbe Nacht lang die Füße platt. Vergeblich: Der in Japan gebaute Panzerzug des "Großen Führers", wie der offizielle Titel des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong Il lautet, hielt nur kurz mit fauchender Lok und voll aufgedrehten Scheinwerfern, ohne das jemand ausstieg. Sondereinheiten der Miliz hatten den Bahnsteig schon Stunden zuvor von Reisenden "gesäubert". Kims Russland-Besuch blieb, obwohl bei der Visite seines Moskauer Amtskollegen Wladimir Putin in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang im Juni vereinbart, bis zum letzten Moment top secret. Sogar die Regierung der russischen Region Fernost erfuhr von dem Ereignis erst, als Kims Panzerzug kurz vor der Grenze war.

Den bisher einzigen Halt legte das Gefährt in der Stadt Ussurijsk ein. Dort überreichte ihm zunächst eine ältere Frau einen Blumenstrauß. Rote Rosen, mit denen sie schon als Jungpionier Kim Il Sung, den "Großen Steuermann" und Vater des "Großen Führers" beglückt hatte. Danach stieg Putins Generalgouverneur für den Fernen Osten, Konstantin Pulikowski, zu, um den Gast persönlich bis nach Moskau zu geleiten. Bei einer Reisegeschwindigkeit von maximal 40 Stundenkilometern - bedingt auch dadurch, dass dem Panzerzug in einigem Abstand zwei russische Loks vorausfahren, weil Kims Sicherheitsapparat Minen auf der Strecke befürchtet - ist die Ankunft auf dem Kasaner Bahnhof in Moskau frühestens für den 4. August geplant. Per Flugzeug hätte der "Große Führer" die Distanz in weniger als zehn Stunden bewältigt. Doch Kim, so russische Medien, habe "furchtbare Höhenangst" und habe sich daher, genau wie sein Vater, noch nie in ein Flugzeug gesetzt. Daher brachte er es seit der Machtübernahme im Jahre 1994 bisher nur auf zwei Auslandsreisen. Beide führten ihn nach China.

Böse Zungen erklären Kims Widerwillen gegen das Fliegen allerdings mit Furcht vor einem Anschlag. Mit von der Partie ist daher ein Tross von 140 persönlichen Betreuern, darunter zwei Dutzend Ärzten. Ein Waggon ist vollgestopft mit medizinischen High-tech-Geräten. Normale Nordkoreaner indessen werden seit Jahren ohne Betäubung operiert und nagen im Wortsinne am Hungertuch: Die weltweit letzte Bastion des Stalinismus hat sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus von der Außenwelt total abgekapselt und steht wegen seiner Atomwaffenpläne als "Schurkenstaat" international am Pranger.

Auch zu Russland, das seit Anfang der Neunziger konsequent auf den industriell entwickelten Süden setzt, ist Pjöngjangs Verhältnis eher kühl und von rein pragmatischen Erwägungen diktiert. Moskau will Nordkorea zum einen von der Notwendigkeit eines neuen Gipfels mit Südkorea überzeugen, zum anderen zur Aufgabe seines Atomforschungsprogramms überreden. Für beides winken im Westen außenpolitische Dividenden, für die der Kreml allerdings tief in die Tasche greifen muss. Wenn überhaupt, so hiesige Experten, werde sich der unberechenbare Kim Zugeständnisse nur durch handfeste Wirtschaftshilfe abpressen lassen.

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