Politik : Kim Jong Il in Russland: Zwischen den koreanischen Welten

Elke Windisch

Die Zeiten des proletarischen Internationalismus und uneigennütziger Wirtschaftshilfen für darbende sozialistische Bruderländer sind in Moskau definitiv vorbei. An dieser Erkenntnis kann auch der "geliebte Führer", wie sich der nordkoreanische Staatschef Kim Jong Il gern nennen lässt, nichts ändern. Und selbst die zum Abschluss des offiziellen Teils des russisch-nordkoreanischen Gipfels verabschiedete "Moskauer Erklärung", die maßgeblich auf Drängen Kims zustandekam, wird vom Pragmatismus des neuen Russlands diktiert: So beteiligt sich Moskau nur kommerziell am neuen nordkoreanischen Satellitenprogramm, an dem Pjöngjang festhalten will, weil es sich schon von seinen Raketenplänen verabschieden muss.

Eher zurückhaltend reagierte Moskau auch auf umfassende Kaufgesuche Kims, der in Moskau und im sibirischen Omsk Rüstungsbetriebe besuchte, aber wegen leerer Kassen auf Rabatte beim Kauf russischer Kampfjets und Panzer hofft. Die militärisch-technische Zusammenarbeit, beschied ein russischer Diplomat, dürfe weder die regionale Stabilität noch Drittstaaten bedrohen. Dahinter steckt die Strategie Moskaus, lieber auf Südkorea zu setzen, das seit längerem zu den besten Kunden des staatlichen Rüstungskonzerns Rosoboronexport zählt und pünktlich in harten Dollar zahlt. Um Seoul nicht zu verprellen, äußerte Putin nicht mehr als "Verständnis" für Kims Forderungen nach dem Abzug der US-Truppen aus Südkorea.

Auch beim politischen Teil des Komuniques betonte Moskau, den Dialog Pjöngjangs mit dem Süden "konstruktiv und verantwortungsbewusst" unterstützen zu wollen. Hierbei spekuliert der Kreml auf Milliarden durch die Beteiligung russischer Firmen am Bau einer transkoreanischen Linie zur russischen transsibirischen Eisenbahn.

Schon nächste Woche, zu Beginn russisch-amerikanischer Konsultationen, wird Moskau seine außenpolitische Rolle ins rechte Bild rücken: Immerhin stehe man mit Pjöngjang zum ABM-Abrüstungsvertrag von 1972, während Nordkorea bis 2003 am Moratorium zum Start ballistischer Raketen festhält. Darüber hinaus habe Kim erklärt, dass Pjöngjangs Raketenprogramm ausschließlich friedlichen Charakter habe. Denn immer war es auch Nordkorea, das die USA als Begründung für die Notwendigkeit ihres geplanten Raketenabwehrprogramms herangezogen hatte.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar