Politik : Kinder als Karriereknick Von Moritz Döbler

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Alle bekennen sich zur Familie. Der Bundeskanzler wird es wieder tun, wenn er heute bei einer ArbeitgeberTagung spricht und die Familie als „Erfolgsfaktor für die Wirtschaft“ preist. Keine Frage, es wäre für alle Beteiligten gut, wenn sich Familie und Karriere mühelos in Einklang bringen ließen. Für Eltern und Kinder sowieso, für die Unternehmen, die Fachkräfte brauchen, und für die Gesellschaft, die nicht überaltern will. An Bekenntnissen fehlt es nicht und nicht einmal an politischen Schritten.

Dennoch sind wir noch immer keine familienfreundliche Gesellschaft. Die Statistiken sind eindeutig. Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, dass weniger als die Hälfte der Unternehmen familienfreundliche Angebote festgeschrieben hat. Laut einer Umfrage unter Betriebsräten ist das Thema in drei von vier Unternehmen eben gar kein Thema. Und der Mikrozensus 2004 weist vielfältig aus, dass die Gleichung Kind gleich Karriereknick für Frauen nach wie vor stimmt.

Angesichts von mehr als fünf Millionen Arbeitslosen und des Kostendrucks in den meisten Unternehmen empfinden junge Paare die Gründung einer Familie häufig als großes finanzielles und berufliches Risiko. So entscheiden sie sich gegen Nachwuchs, oder die Kinder kommen spät. Auch der Arbeitsplatzanspruch nach bis zu drei Jahren Elternzeit funktioniert in der Praxis nicht immer. Da gehen erfolgreiche Karrierefrauen in die Babypause, und wenn sie zurückkommen, werden sie wie Hilfskräfte behandelt, deren Sonderwünsche nerven.

Väter verharren meist in der tradierten Rolle des Ernährers. Selbst die wenigen, die wirklich und aus ganzem Herzen Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, auch wenn die noch ganz klein sind, trauen sich nicht, in Elternzeit zu gehen oder wenigstens kürzer zu treten. Vielleicht haben manche nicht genug Rückgrat, sich beim Arbeitgeber und im Kollegenkreis durchzusetzen. Häufig verdienen sie aber tatsächlich den größten Teil des Familieneinkommens und sind gezwungen, die Rolle einzunehmen, die schon ihre Väter innehatten.

So verkrusten Strukturen, die schon viele verändern wollten – auch das rot-grüne Lager, das im Wahlkampf 1998 und 2002 damit gepunktet hat. Und wenn dann doch beide Eltern wieder voll und erfolgreich im Beruf stehen, dann häufig mit schlechtem Gewissen. Kann man den Kleinen einen Acht-Stunden-Tag im Kindergarten zumuten?

Bei vielen Familien geht es gar nicht anders, weil das Geld sonst nicht reicht. Und wenn es reicht, entscheiden sich viele Eltern trotz aller Probleme für das Doppeleinkommen. Denn angesichts des immer härteren globalen Wettbewerbs wächst in ihnen der Wunsch, ihren Kindern herausragende Startchancen zu bieten. Das fängt mit Englisch-Kassetten für den Kindergarten an und hört bei teuren Privatschulen nicht auf.

Nun muss nicht gleich jeder Eltern-Spleen steuerlich gefördert werden. Auch bleibt das Gründen einer Familie, das Kinderkriegen Privatsache und allemal ein Wagnis. Eine Vollkaskopolice gibt es nicht, Kinder sind immer ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Dennoch muss die Politik noch einiges tun. Das Elterngeld, das Familienministerin Schmidt vorschlägt, ist eine gute Idee, nicht nur in Wahlkampfzeiten. Wenn sich die Zahlung am letzten Nettolohn orientiert, gibt es einen Anreiz für Besserverdienende, sich für Kinder zu entscheiden, und genau das brauchen wir. Und auch die staatliche Kinderbetreuung muss noch ausgebaut werden.

Vor allem aber ist die Wirtschaft gefragt. Die Betriebe müssen endlich umdenken. Die vielen tausend Chefs in den Unternehmen und auch die Betriebsräte. Am Ende wird das zwar der Wettbewerb regeln. Die Unternehmen, die Teilzeitmodelle mittragen und Betriebskindergärten haben, die ihren guten Leuten keine Steine in den Weg legen, auch wenn sie sich in das Abenteuer Familie stürzen, die werden sich durchsetzen. Zu ihrem eigenen Vorteil. Aber es wäre jammerschade, wenn wir darauf noch lange warten müssten.

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