Kinder im Krieg : Unsere Angst vor dem Hinsehen in Syrien

Es wird Generationen prägen und Jahrzehnte dauern, bis Syrien und seine Menschen Frieden finden. Millionen traumatisierter Kinder kennen nichts anderes als Krieg. Ein Kommentar.

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Sie kennen es nicht anders: Für Millionen Kinder war jeden Tag ihres Lebens Krieg. Foto: Joseph Eid/AFP
Sie kennen es nicht anders: Für Millionen Kinder war jeden Tag ihres Lebens Krieg.Foto: Joseph Eid/AFP

Auf nichts ist Verlass. Das lernen syrische Kinder im Labyrinth des Krieges. Auf nichts ist Verlass, nicht auf Mutter, Vater, nicht auf das Dach über dem Kopf, das Essen auf dem Tisch. Vertraute Menschen können von einem Tag auf den anderen verletzt sein oder tot. Häuser können in Flammen aufgehen. Erwachsene wissen denen, die heranwachsen, nicht zu erklären, was passiert. Welchen Sinn ergibt eine Welt, die sich auf nichts Gutes mehr reimt?

Vor sechs Jahren fingen Erwachsene den Krieg in Syrien an. Drei Millionen Kinder, die seither geboren wurden, haben keinen Tag im Frieden gelebt. Toxischem Stress seien sie ausgesetzt, erklärte vor Kurzem ein Report der Organisation „Save the Children“.

In Moskau klopften Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin einander gerade auf die Schultern, „sehr froh“ über ihre Kooperation auf dem syrischen Schlachtfeld. Alle Kriegsparteien begehen offenbar Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Schergen des Assad-Regimes, Kämpfer der Hisbollah, syrische Regimegegner, syrische Kurdenmilizen, türkische Truppen, russische Bomber und die Henker des „Islamischen Staats“. Auf dem Territorium dieses zersplitternden Staates wird sichtbar, wie das Wort „verheerend“ entstand.

Hinsehen! Syrische Kinder haben viel Schreckliches gesehen. Das prägt ihr ganzes Leben. Foto: Delil Souleiman
Hinsehen! Syrische Kinder haben viel Schreckliches gesehen. Das prägt ihr ganzes Leben.Foto: Delil Souleiman

In Syrien gibt es Kleinkinder, die gezwungen wurden, Enthauptungen mitanzusehen. Zwei Drittel aller Minderjährigen haben Angehörige verloren. Manche Kinder können nicht mehr sprechen oder weinen, manche schlafen aus Angst vor der Nacht nur noch bei Tag. Zu den Langzeitfolgen von toxischem Stress zählen schwere physische und psychische Probleme. Wird nicht geheilt, geholfen, gibt eine Generation die Gewalt an die kommende weiter. Transgenerationelle Traumatisierung nennt sich diese Dynamik.

Mehr Leute demonstrieren gegen TTIP als gegen den Krieg

Die Öffentlichkeit da draußen blendet den Syrienkrieg mehr und mehr aus. Andere Sorgen überlagern ihn, der Brexit, die Ukraine, das Wegdriften der Polen und Ungarn aus Europas Union, das der der Türkei ins Autoritäre, das der USA ins Erratische. Für die Allermeisten außerhalb Syriens besteht das ferne Dort aus Szenen mit Bandagierten oder Trümmern, durch das Fernsehen eingehegt von Glas und Rahmen des Bildschirms. Nahzusehen statt fernzusehen scheint kaum mehr erträglich. Dort der gestörte Schlaf der Kinder, hier der Rest der Welt, was Syrien betrifft, im verstörenden Schlaf. Syrien? So verfahren scheint die Lage, dass Resignation Raum greift.

Bis zu 250.000 Protestierende gingen allein in Berlin vor anderthalb Jahren gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA auf die Straße. Wo bleiben vergleichbare Massen, die einfordern, was Syrien braucht: keine Angriffe auf Zivilisten, Schulen und Krankenhäuser, Flugverbotszonen, Zugang für Hilfskonvois?

Nach Assad und IS "dauert es noch zwei, drei Generationen"

An demselben Freitag, an dem die beiden Potentaten Putin und Erdogan einander zu ihren Taten gratulierten, sprach am Abend im Berliner Diwan-Salon des Tagesspiegels der syrische Filmemacher und Autor Firas Alshater. Hunderttausende erheitert er mit seinen brillanten YouTube-Videos. Gefragt, wie Syrien Frieden finden kann, wird der 26-Jährige, der in Damaskus Haft und Folter überlebte, ernst. Assad muss weg, der IS muss weg: „Und dann dauert es noch zwei, drei Generationen.“

Dafür aber, wie bald das „und dann“ beginnen kann, ist auch die Politik des Westens verantwortlich. Mit Nahsehen statt Fernsehen, mit Hinsehen fängt dieser Prozess erst an.

Zwei syrische Kinder vor Trümmern nach der Rückeroberung der Stadt Al Bab durch von der Türkei unterstützte Rebellen. Foto: Nazeer al-Khatib/AFP
Zwei syrische Kinder vor Trümmern nach der Rückeroberung der Stadt Al Bab durch von der Türkei unterstützte Rebellen.Foto: Nazeer al-Khatib/AFP
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