Kinder in Syrien : "Der gefährlichste Ort der Welt"

Unicef beklagt das Leid der Mädchen und Jungen im Bürgerkriegsland. Vor allem in belagerten Gebieten ist ihre Lage dramatisch.

von und Julia Beil
Zerstörung, Gewalt, Tote: Kinder in Syrien sind oft traumatisiert von dem, was sie im Krieg miterleben müssen.
Zerstörung, Gewalt, Tote: Kinder in Syrien sind oft traumatisiert von dem, was sie im Krieg miterleben müssen.Foto:Thomas Rassloff/ dpa

Angst, Flucht, Hunger und Bomben – das ist seit fünf Jahren bedrückender Alltag für die meisten Kinder in Syrien. Millionen Mädchen und Jungen kennen nichts anderes als Gewalt und Not. Auch die vereinbarte Feuerpause hat daran bisher wenig geändert. Nach 44.000 Stunden Krieg ist für viele Heranwachsende Frieden nach wie vor ein Fremdwort. Denn, so formuliert es die Unicef-Nothilfekoordinatorin Geneviève Boutin am Donnerstag: „Syrien ist derzeit für Kinder der weltweit gefährlichste Ort.“

Viele Kinder sterben auf dem Schulweg oder dem Spielplatz

Das hat verschiedene Gründe. Zum Beispiel die Kämpfe. Laut den Vereinten Nationen sind allein zwischen 2011 und 2013 vermutlich mehr als 10.000 syrische Kinder getötet worden. Seitdem gibt es keine verlässlichen Schätzungen mehr. Die meisten sind wohl bei Bombenangriffen und durch Artilleriebeschuss des Regimes ums Leben gekommen – oft auf dem Weg zur Schule oder auf Spielplätzen. „Nirgends im Land sind Kinder sicher", sagt Unicef-Mitarbeiterin Boutin. Viele haben Familienmitglieder und Freunde verloren, sind deshalb schwerwiegend traumatisiert.

Infektionen können lebensgefährlich sein

Laut Unicef leben sieben Millionen syrische Kinder in Armut, Zehntausende sind unterernährt. Außerdem ist das Gesundheitssystem ebenso wie die Wasserversorgung weitgehend zusammengebrochen. Nur ein Drittel der Kliniken im Land ist noch funktionsfähig, die Hälfte der Ärzte ist geflohen oder tot. Eine der Folgen: Ansteckende Krankheiten wie Polio und Masern breiten sich wieder aus. Vor allem für Kinder kann eine Infektion lebensgefährlich sein. Das Hilfswerk „Save the Children“ zitiert einen Arzt aus Ghouta, einem eingekesselten Vorort von Damaskus, der zusehen musste, wie viele Kinder an vermeidbaren Erkrankungen gestorben sind. „Einige der Todesfälle waren eine Folge von Unterernährung, andere von Mangel an Medikamenten und Impfstoffen. Kinder sind an Tollwut gestorben, weil der Impfstoff fehlte. Haut- und Magenkrankheiten haben sich verbreitet, da das Regime die Wasserversorgung unterbrochen hat.“

Kinder werden als Soldaten rekrutiert

Dramatisch sei auch die Bildungssituation, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland. „Rund 6000 Schulen stehen nicht mehr zur Verfügung. Sie wurden entweder zerstört oder dienen als Notunterkünfte.“ Zwei Millionen Mädchen und Jungen erhalten keinen Unterricht mehr – sei es, weil es zu gefährlich ist, die Lehrer fehlen oder die Kinder zum Lebensunterhalt der Familien beitragen müssen. Kinderheiraten sind nach Angaben von Unicef ebenfalls immer verbreiteter - vor allem um Töchtern ein Auskommen zu sichern. Und auch das gehört zum Krieg in Syrien: Immer häufiger werden Kinder von bewaffneten Gruppen als Soldaten rekrutiert. „In den vergangenen Jahren hieß es immer: Es könne in Syrien kaum noch schlimmer werden. Doch 2015 hat gezeigt, dass das leider nicht stimmt“, betont Nothilfekoordinatorin Geneviève Boutin.

Belagerte Gebiete: "Gefängnisse unter freiem Himmel"

Besonders in den eingeschlossenen Gebieten ist die Lage der syrischen Kinder verheerend. Wo das Assad-Regime, Milizen der Opposition und andere Konfliktparteien die Wege in die Städte versperren, gibt es für die Helfer kaum ein Durchkommen. Eine Viertelmillion syrischer Kinder lebt mittlerweile in solchen Gebieten, die „Save the Children“ in seiner neuen Studie „Kindheit in Trümmern“ als „Gefängnisse unter freiem Himmel“ beschreibt.

Sie essen Tiernahrung oder Blätter

Dort seien viele Kinder gezwungen, sich regelmäßig von Tiernahrung oder Blättern zu ernähren. Lebensmittelvergiftungen sind demzufolge keine Seltenheit, nicht verwunderlich, müssen die Kinder teils längst abgelaufene Lebensmittel essen, weil nichts anderes zu kaufen ist. Sind 15 Prozent der Kinder in einem Gebiet unterernährt, spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von einem „kritischen Notfall“. In Yamouk, einem Bezirk im Süden von Damaskus, lag dieser Anteil schon Mitte des vergangenen Jahres bei 40 Prozent.

Katastrophale medizinische Versorgung

Auch die medizinische Versorgung ist in den belagerten Gebieten beinahe gänzlich zum Erliegen gekommen. Lebenswichtige Operationen müssten oft unter Kerzenlicht durchgeführt werden; alte Wasserschläuche würden als Beatmungsschläuche genutzt; Laken, Kleider oder Stoffreste würden ausgekocht, damit sie danach als Verbandsmaterial dienen können. Eine Krankenschwester aus einem belagerten Gebiet im nördlichen Homs berichtet, dass „die einfachsten Dinge“ wie Betäubungsmittel, Hustensaft oder Medikamente gegen Durchfallerkrankungen nicht verfügbar seien. Das Verhalten der Besatzer ist dabei an Boshaftigkeit oft kaum zu überbieten. Als im Juli 2015 der UN einmalig die Erlaubnis erteilt wurde, Kindern im belagerten Douma Medikamente zu liefern, entfernte die Regierung mithilfe spezieller Erkennungsgeräte Antibiotika und Wurmmittel – sie wären dringend benötigt worden, um Infektionen zu behandeln. Eine junge Mutter, deren zwei Tage alter Säugling krank geworden war, hielt man fünf Stunden lang an einem Kontrollpunkt an Yamouks Grenze fest, nur um sie schließlich wieder zurückzuschicken. Ihr Neugeborenes überlebte nicht.

Aleppo - eine Stadt wie aus einem anderen Jahrhundert

Insbesondere in der umkämpften Stadt Aleppo sind die Lebensumstände für Kinder verheerend. Abeer Pamuk stammt selbst aus der Stadt im Nordwesten Syriens und ist Mitglied des Nothilfe-Teams der SOS-Kinderdörfer in Syrien. Im direkten Kontakt mit den Mädchen und Jungen merkte sie, welche Schäden besonders deren Psyche im Krieg genommen hat: „Manche Kinder haben gesehen, wie ihre Familien vor ihren Augen brutal ermordet wurden. Sie wachen nachts auf, weinen ständig, manche von ihnen sprechen kaum noch.“ In Aleppo habe man eine "fortgeschrittene Stufe" des Leidens erreicht, die Zustände dort seien schlimmer als anderswo in Syrien. Ein Problem, sagt Pamuk, sei zum Beispiel die schlechte Versorgung mit Wasser. Die alten Brunnen, aus denen die Menschen dort ihr Wasser bezögen, würden in naher Zukunft austrocknen, glaubt Pamuk. Einen weiteren Sommer, so legten es Studien nahe, würde man so nicht überstehen. Auch von Elektrizität sind Privathaushalte, Schulen und Universitäten weitgehend abgeschnitten, erklärt Pamuk. Es fehle an Kraftstoff, um entsprechende Generatoren zu betreiben. Eine Folge: "Ich würde behaupten, dass kein Kind in Aleppo je die Chance hatte, beim Lernen eine normale Beleuchtung zu haben." Außerdem, sagt sie, sei Aleppo eine der gefährlichsten Städte auf der Welt. "Die Kriegsfronten verliefen extrem nah an Häusern und Spielplätzen: "Kinder dort haben absolut keinen sicheren Ort, an dem sie einfach spielen könnten." Ebenfalls eine Gefahren- und Krankheitsquelle: die großen Schutzunterkünfte in der Stadt. Dort hätten sich, erklärt Pamuk, aufgrund der mangelnden Hygiene und der schlechten Wasserversorgung zum Beispiel schon mehrfach Kopfläuse verbreitet. Pamuks Resüme: Jeder, der Aleppo besuche, bekäme den Eindruck, nicht in einer Stadt aus dem 21. Jahrhundert zu sein. Die grundlegenden Bedürfnisse der Bewohner, besonders der Kinder, seien in keiner Weise erfüllt.

Auf Worte folgten bisher keine Taten

Doch die Not kann gelindert werden – wenn genug und rechtzeitig Geld bereitgestellt wird. Unicef etwa kann nach eigenen Angaben erst einen Bruchteil der versprochenen Mittel für 2016 nutzen. „Es kann nicht angehen, dass Hilfsorganisationen um finanzielle Unterstützung betteln müssen“, sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Bei der Londoner Geberkonferenz seien zwar Zusagen in Milliardenhöhe gemacht worden. Doch die meisten Länder hätten bis heute den Worten keine Taten folgen lassen. Die Menschen in Syrien und der Region bräuchten aber eine Bleibeperspektive, sagt Minister Müller. „Es werden Millionen nach Europa kommen, wenn wir nicht bereit sind, viel mehr vor Ort zu tun.“

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