Politik : „Kinder müssen merken, wo Grenzen sind“

Familienministerin Ursula von der Leyen über werteorientierte Erziehung, Mehrkindfamilien und die Geburtenrate in Deutschland

-

Frau von der Leyen, die Zahl der Geburten ist 2005 erneut gesunken, auf 686 000. Was haben die Deutschen gegen Kinder?

Wir haben verlernt, wie man ein modernes, schaffensreiches Leben mit Kindern gestaltet. Bei der Abwägung für oder gegen ein Kind überwiegt oft die Wahrnehmung der Probleme, die ohne Zweifel bei jungen Menschen im Beruf mit Kindern auftreten, weil es an Kinderbetreuung oder familiengerechten Arbeitsstrukturen fehlt. Weil es zu wenig positive Vorbilder gibt, wissen viele junge Menschen nicht mehr, welches Glück, welche Lebenskraft und welche Zuversicht Kinder auslösen können.

Lässt sich die sinkende Geburtenrate überhaupt umkehren, oder gehört diese Entwicklung zur modernen Welt dazu?

Andere Länder haben den Übergang in eine moderne Gesellschaft geschafft und trotzdem das Sinken der Geburtenrate gebremst oder gar umgekehrt. Sie haben früh erkannt, dass sie ihre gut ausgebildeten Männer und Frauen im Beruf und in der Familie brauchen. Unternehmen investieren hierzulande weniger in die Förderung von Frauen, weil diese Kinder kriegen können. Dabei wäre das Gegenteil sinnvoll. Ein Unternehmer muss doch ein Interesse daran haben, dass eine qualifizierte Mitarbeiterin dem Betrieb erhalten bleibt, wenn sie ein Kind bekommt. Auf uns kommt ein Fachkräftemangel zu. Wir können weder auf die gut ausgebildeten jungen Frauen am Arbeitsmarkt verzichten noch auf Erziehung von Kindern. In den Ländern, in denen die Gesellschaft die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördert, werden heute mehr Kinder geboren.

Anderswo entscheiden sich Paare häufiger für mehrere Kinder. Bei uns wird die Einkindfamilie zur Regel. Geht dadurch der Gesellschaft etwas verloren?

Still und leise verschwinden Lernprozesse in einer Gesellschaft, ohne die sie eigentlich nicht existieren kann. Wenn Kinder Geschwister haben, lernen sie, Verantwortung zu übernehmen, zu teilen, nachzugeben, sich durchzusetzen. Sie erfahren, dass die Gemeinschaft nur funktioniert, wenn alle ihre Wünsche und Interessen so abwägen, dass keiner zu stark benachteiligt wird und jeder bereit ist, seine Kraft für das Gemeinwohl einzusetzen, weil er dadurch unter dem Strich selber profitiert.

Glauben Sie, dass wir eines Tages wieder Großfamilien haben werden?

Ich würde gerne die Weichen dafür stellen, dass Mehrkindfamilien einen größeren finanziellen Spielraum haben. Ich halte die hohe Besteuerung von Familien mit mehreren Kindern nicht für gerechtfertigt. Sie sollten mehr von ihrem Einkommen behalten können. Wir wissen, dass Paare Mut zu mehr Kindern haben, wenn sie wissen, dass die Belastungen nicht überproportional wachsen.

Die CDU hat im Bundestags-Wahlkampf ein Steuersystem mit hohen Freibeträgen für jedes Kind gefordert.

In welcher Form eine Entlastung gerade von Mehrkindfamilien und bessere frühkindliche Bildung finanzierbar sind, das untersucht jetzt ein Kompetenzzentrum, das ich beim Bundesfamilienministerium einrichte. Es soll die vielfältige, zum Teil widersprüchliche Familienförderung auf ihre Wirkung analysieren. Diese Untersuchung wird etwa anderthalb Jahre brauchen. Danach werden wir auch in der Koalition und mit Ländern und Kommunen über eine Neuausrichtung der familienpolitischen Instrumente diskutieren können – und das auf einer soliden Datenbasis. Bisher wissen wir nur, dass wir im internationalen Vergleich relativ viel Geld investieren, damit aber nicht so eine positive Wirkung wie anderswo erzielen.

Mit den Kirchen haben Sie ein Bündnis für Erziehung gegründet. Warum, wenn doch die religiöse Bindung abnimmt?

Die beiden großen Kirchen sind unter den freien Trägern die größten Anbieter bei den Kindertagesstätten. Die Kitas sind der Ort, an dem Eltern ihre Kinder anderen anvertrauen, und dort werden Kinder auch geprägt und erzogen. Mir geht es darum, mit allen, die in diesem Bereich Verantwortung tragen, den Diskurs darüber zu führen, wie wertegebundene Erziehung im Alltag verankert werden kann.

Auf welche Werte kommt es Ihnen an?

Es geht in erster Linie darum, einen klaren Standpunkt zu beziehen. Kinder müssen merken, wo Grenzen sind, etwa bei Streit und bei Rücksichtslosigkeit. Sie müssen auf der anderen Seite auch positiv bestärkt werden in einem gemeinschaftsfördernden Verhalten.

Wie wichtig sind religiöse Rituale?

Sie gehören zum großen Fundus unserer Kultur. Sie haben ihren praktischen Sinn im Alltag. Ein Beispiel: Das gemeinsame Tischgebet am Anfang einer Mahlzeit hat den praktischen Sinn, dass nicht jeder drauflosfuttert. Man wartet, bis alle sitzen, hält inne und dankt, dass dieses Essen auf dem Tisch steht. So entsteht wie von selbst eine Gelegenheit für ein gemeinsames Gespräch.

Interessiert das nicht nur bürgerliche Mittelschichtfamilien?

Es wäre fatal, wenn wir die Vermittlung von Werten auf Mittelschichtfamilien reduzieren würden. Denken Sie an die wunderbaren Geschichten von Astrid Lindgren: Sie beschreibt oft, was Familien in Zeiten der Not zusammenhielt und wieder voranbrachte. Das ist das Besinnen auf gemeinsame Werte, das Gefühl, sich aufeinander verlassen zu können, füreinander einzustehen und aus dieser Gemeinschaft heraus Probleme zu meistern, die den Einzelnen überfordern.

Das Interview führte Cordula Eubel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben